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Zweifel ist meines Glaubens Anfang

Ich habe es schon immer getan und werde es auch immer tun: Zweifeln.

Seit ich glaube, zweifle ich. Natürlich glaubte ich – in gewisser Weise – schon vor dem Zweifel. Als Kind, das (teilweise) in einem christlichen Kontext aufgewachsen und erzogen wurde, habe ich den Glauben quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Kein Wunder also, dass schon von früher Kindheit an eine feste Glaubensüberzeugung in mir heranwuchs, die ihre erste Zerreißprobe fand, als ich von der Kindheit zur Jugend überwechselte. Hier stellte ich zum ersten Mal – zumindest in einer bewussten Form – den Glauben in Frage. Was ich in Kindheitstagen bereitwillig als Gegeben angenommen hatte, nämlich die Existenz des biblischen Gottes, schien mir im Zuge rationaler Überlegungen furchtbar naiv und peinlich. Mein altertümliches Weltbild, so dachte ich damals, passte nicht mit einem aufgeklärten Denken der Moderne zusammen. Es hinderte mich nur daran, die Ideale meiner Jugendzeit – grenzenlose Sexualität, Saufen und Party machen – auszuleben. Ich wollte mein Selbstbild auch selbst bestimmen und nicht durch eine antike Fantasie diktieren lassen. Die Tatsache, dass mein damaliger Freundeskreis durch die Bank weg von Nicht-Christen bevölkert wurde, bestärkte mich in der Annahme, mit dem Glauben einer großen Illusion oder Märchen aufgesessen zu haben. Trotz der massiven Infragestellung meines bisherigen Glaubenssystems, konnte ich mich dem Gottesglauben allerdings nicht vollständig entledigen. Nach außen kehrte ich ihm demonstrativ den Rücken zu. Ich wollte von der ganzen Sache nichts hören – sehr zum Leidwesen meiner Eltern –, aber innerlich blieb ein kleiner (Senf-)Korn an Glauben übrig.

Kurzum, mit der Reflexion meiner Glaubensinhalte kam der Zweifel, und seither ist er mir ein treuer Begleiter auf meiner Odyssee des Glaubens geworden.

So ist auch nach meiner erneuten Hinwendung zum Gottesglauben – mit ungefähr achtzehn – und der damit einhergehenden Abwendung von meinen (zerstörerischen) Jugendidealen, die zweifelnde Stimme im Hinterkopf nicht leiser geworden. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, und das tue ich fortwährend, das Handtuch zu werfen. Um ehrlich zu sein, stand ich nicht nur kurz davor, die Sache mit dem Glauben an den Nagel zu hängen, sondern ich habe es auch getan. Doch auch hier, wie damals auch schon, blieb ein Restzweifel: Vielleicht gibt es Gott ja doch? Ich hatte ihn doch erlebt, hautnah gespürt. Konnte das alles wirklich eine Einbildung gewesen sein? Bin ich verrückt?

Es ist schon irgendwie paradox. Denn es ist der Zweifel, der mich nächtelang quält, fast auffrisst und um den Verstand bringt und es ist auch der Zweifel, der mich am Glauben festhalten lässt. Meinen Glauben hundertprozentig über Bord zu werfen, das konnte ich noch nie. Ich meine, die Nicht-Existenz Gottes lässt sich ja schließlich nicht beweisen. Es gibt hingegen sogar gute Gründe anzunehmen, dass es ihn tatsächlich gibt, was aber jetzt nicht unser Thema sein soll – doch vielleicht demnächst.

Der Zweifel und Ich, wir scheinen zusammenzugehören, wie Nachos mit Käse-Dip zum erfolgreichen Kinobesuch dazugehören. Ich meine, wenn wir mal ehrlich sind, was wäre schon ein Kinobesuch ohne Nachos mit Käse-Dip? Richtig, ein Ding der Unmöglichkeit. Natürlich habe ich es auch schon mal ohne probiert. Nur um früher oder später dem Verlangen zu erliegen, mir doch welche zu kaufen. So ist es auch mit dem Glauben und dem Zweifel. Oft habe ich versucht, zweifelsfrei zu glauben, ein schwieriges (unmögliches?) Unterfangen, an dem ich nur kläglich gescheitert bin. Der Zweifel lässt sich eben nicht so leicht mundtot machen oder ignorieren. Es mag Momente geben, da kann man seinem betörenden Reiz die Stirn bieten. Doch am Ende muss ich feststellen, dass der Zweifel zu meinem Glauben gehört, wie Nachos mit Käse-Dip zu einem Kinobesuch. Und soll ich dir was sagen? Ich bin dankbar dafür.

Gewiss bewundere ich Menschen, die sich in ihrem Glauben todsicher sind. Zugegeben: Manchmal wünschte ich mir auch mit ihnen tauschen zu können. Dennoch kann ich heute selbstbewusst sagen: Ich bin ein Zweifler. Und dazu stehe ich. Die Zeiten, in denen ich mich meines Zweifelns wegen unter Selbstverdammnis gestellt habe, sind vorbei. Ich durfte lernen, mich mit ihm zu arrangieren und als wertvollen Teil meiner Selbst zu verstehen.

Doch keine Frage, es ist mühsam und kostet viel Kraft einen Glaubensweg zu bestreiten, der von Zweifel übersät ist. Hier gibt es definitiv nichts schön zu reden. Es gibt diese Momente, da reißt der Zweifel einem buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Die Gewissheit, die man sich kräftezehrend errungen hat, kann in Sekunden verpuffen. Man droht an der innerlichen Zerrissenheit zwischen Vertrauen und Misstrauen gegenüber Gott regelrecht zu verzweifeln. Diese ganze Ambivalenz von Zweifel ist für mich, als jemand der wirklich versucht aufrichtig zu glauben, teilweise unerträglich. Was in den „Todesstunden“ meines Glaubens dann noch bleibt, ist, wie der Mann aus Mk 9,8, dessen Sohn schwer krank ist, betend aus mir herauszuschreien: «Ich glaube! Hilf mir heraus aus meinem Unglauben!»

Unterm Strich ist es das aber alles wert. Es mag schon merkwürdig klingen, aber der Zweifel hilft MEINEM Glauben gesund zu bleiben. Er hält mein Denken regelrecht auf Trab. Sorgt dafür, dass ich in Bewegung bleibe. Er gibt mir die Chance mich – und meinen Glauben – zu entwickeln. Meine bisherigen Ansichten und Annahmen werden schonungslos auf den Prüfstand gestellt und auf ihre Plausibilität hin durchleuchtet. Ich bin herausgefordert, eingenommen Positionen und Perspektiven neu zu überdenken, was meinen Horizont erweitert. Durch meinen Zweifel werde ich dazu gezwungen, mein Glaubensgerüst auch mal aus kritischer Distanz heraus zu betrachten, was mich vor der großen Gefahr bewahren kann, Einseitigkeiten zu erliegen. Auch lässt er mich nicht einfach alles glauben, was eine (vermeintliche) Autorität als wahr postuliert, wenn mir jemand ein faules Ei unterjubeln will. Schützend wirft er sich dort in den Weg, wo ich dazu neige, irgendwelche Dogmen und Traditionen blind zu akzeptieren.

Mir ist bewusst, wer ein solches Loblied auf den Zweifel ertönen lässt, macht sich in manchen christlichen Kreisen schon fast dem Hochverrat am Glauben schuldig. Doch ich würde sagen, der Zweifelnde macht sich allein der Menschlichkeit schuldig. Der Zweifel an sich ist ja weder gut noch böse, sondern schlicht und einfach menschlich. Wir sind gerade dazu veranlagt – eigentlich sogar geschaffen. Gott hat uns doch mit einem Hirn designt, wessen des rationalen Denkens fähig ist. Und genau diese Fähigkeit, welche auch den nüchternen Zweifel hervorbringt, nicht alles sofort für bare Münze nimmt, sondern zunächst prüft, dürfen wir benutzen. Im ersten Petrusbrief 3,15b heißt es: «Seid aber jederzeit bereit zur Verantwortung jedem gegenüber, der Rechenschaft von euch über die Hoffnung in euch fordert.» Nun ist es eine wesentliche Voraussetzung, die eigenen Glaubensinhalte schon mal reflektiert zu haben, sprich zu wissen, was ich glaube und warum, um diese auch verbal kommunizieren bzw. rechtfertigen zu können. Die Aufforderung impliziert also, den Glauben auch mal verstandesmäßig, intellektuell, rational durchleuchtet und erfasst zu haben. Anders ausgedrückt: Wir dürfen nicht nur, sondern sollen sogar unser Hirn, das rationale Denken benutzen. Wäre dem nicht so, hätte Gott uns auch einfach mit dem Intellekt eines Toastbrotes bestücken können.

Glaubenstechnisch befinde ich mich oft in einer Grauzone. In einer Never Ending Story pendle ich von Schwarz zu Weiß und wieder zurück. Die meiste Zeit befinde ich mich allerdings zwischen beiden Polen: Glaube und Unglaube. In keinem von Beiden fühle ich mich richtig heimisch und finde zur Ruhe. Neige ich zum Glauben, klopft früher oder später der Zweifel an. Wenn ich zum Unglauben tendiere, lässt der Zweifel auch nicht lange auf sich warten. Egal wie man es dreht und wendet, der Zweifel bleibt existent. Langweilig wird einem dabei gewiss nicht. Nun sind aber Gott sei Dank die Zeiten – zumindest in meinem christlichen Umfeld – vorbei, wo man als Zweifelnder zum Sünder diskreditiert wird, wo einem der rechte Glaube gänzlich in Abrede gestellt wird. Frei nach dem Motto: Wer zweifelt, glaubt einfach nicht richtig. Ein guter Christ zweifelt nämlich nicht! – ganz so, als würde sich der Zweifel auch einfach per Knopfdruck abstellen lassen. Doch darf ich mich wirklich nur dann als Christ, als richtigen Gläubigen bezeichnen, wenn ich an den wesentlichen Glaubensinhalten, wie sie z. B. im apostolischen Glaubensbekenntnis formuliert sind, niemals, in keiner Form zweifle? Gehöre ich wirklich nicht dazu, nur weil mein Glaubensweg mehr einer Odyssee gleicht, als einem Sonntagsspaziergang?

Wir Menschen – und besonders fromme – mögen es, klare Grenzen zu ziehen. Klare Grenzen geben Sicherheit und Orientierungsmöglichkeit. Die Welt grundsätzlich in abgesteckte und feste Kategorien einzuteilen – schwarz und weiß – hilft dabei. Jenes ist per se böse, sprich Sünde und anderes hingegen immer gut. Ich kann es nachvollziehen, dass der Mensch die Welt in einem strikten Entweder-Oder-Muster einteilt, entspringt es doch lediglich dem Wunsch, das Richtige zu tun. Ich nehme mich da keineswegs raus. Natürlich denke ich oft ebenso, es ist ja schließlich auch bequem und einfach. Gerade in einer Zeit, wo der Zeitgeist des weltanschaulichen Pluralismus herrscht, also der Glaube, dass unterschiedliche Ansprüche vom Wahren und Richtigen gleichberechtig und gleichgültig nebeneinanderstehen, flüchte ich mich gerne in ein Schwarz-Weiß-Denken. Jedoch werde ich damit häufig der komplexen Wirklichkeit, die sich nun mal in verschiedenen Grauschattierungen zeigt, nicht gerecht.

In Bezug auf den Zweifel habe ich erkannt, dass ich mir mit meinem Schubladendenken, den menschlichen Drang, alles zu kategorisieren, nur selber im Weg stehe. Anstatt mich aufgrund meines Zweifels zu verurteilen und ihn per se zu verteufeln, habe ich gelernt, ihn anzunehmen und ihm nachzuspüren. Mit ihm (meistens) konstruktiv umzugehen und das Potenzial, welches in ihm schlummert, freizusetzen. Zweifel kann nicht nur Glauben zerstören, sondern ihn auch neu zum Glänzen bringen. Auch ist Zweifel nicht der Inbegriff von Schwarz, sprich Sünde. Seine Daseinsberechtigung erlangt er für mich dadurch, dass er mich – mit Gottes Hilfe – zum Besseren verändert. Durch die Auseinandersetzung mit dem Zweifel, erkenne ich mich selbst, und im besten Fall auch Gott, auf eine ganz neue Art und Weise.

Ich verurteile mich auch deswegen nicht, weil ich davon überzeugt bin, dass Gott es ebenso wenig tut. Natürlich, und das sehen wir am biblischen Beispiel des zweifelnden Thomas (vgl. Joh 20,19-31), erklärt Gott den Zweifel auf keinen Fall für heilig. Er kritisiert Thomas Begehren nach einem Glauben, der sich lediglich auf Sichtbarkeit und Greifbarkeit gründet. Was er allerdings nicht tut, ist ihn zum Sünder zu stigmatisieren oder zu verdammen. Gott hält sich selbst an seine Anweisung, die er im Judasbrief 22 für uns verschriftlicht hat: «Erbarmt euch derer, die zweifeln!»

Ich glaube zutiefst, dass Gott in seinem Urteil gnädiger ist, als wir es uns je vorstellen können.  Im Jakobus 2,13b heißt es: « […] Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.» Gott ist gerecht, und er spricht auch Tacheles, keine Frage, aber er ist auch von Herzen gerne gnädig und barmherzig. Meine Zweifel und Vorbehalte, meine Fragen und mein Ringen, das ehrliche Verlangen danach, die Wahrheit – ihn selbst – zu finden, das alles ist ihm nicht verborgen. Gott kennt die Ursprünge und Motive meines Zweifelns. Er respektiert und akzeptiert die temporären Grenzen, die der Zweifel in meinem Herzen, wie auch meinem Verstand, baut, weil er mir als Mensch Freiheiten einräumt. Dabei ist seine Geduld mit dem Zweifelnden, mit mir, sehr groß. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

«Zweifel ist der Weisheit Anfang.» So hat der Denker René Descartes mal gesagt. Dem kann ich mich in Bezug auf meinem persönlichen Glauben nur anschließen. Der Zweifel ist in gewisser Weise der Anfang meines Glaubens gewesen. Zumindest jene Form von Glauben, die ich vor mir selbst verantworten kann. Und ich möchte verantworten können, was ich glaube. Dafür ist meines Erachtens ein kritischer Geist, der hinterfragt, nachhackt und nicht alles sofort für bare Münze nimmt, unabdingbar. Zu zweifeln bedeutet für mich lediglich nichts anderes, als nach der Wahrheit zu fragen. Und nach der Wahrheit zu fragen, kann gewiss nicht falsch sein, sondern nur richtig.

Es gilt also nicht nur allein die Tatsache, dass ich, seit ich glaube zweifle, sondern auch: Seit ich zweifle, glaube ich!

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Birgit

    O wow ich bin tief beeindruckt!!
    Ich dachte was für eine Odyssee an die Jahreslosung 2020.
    Ich glaube hilf meinem Unglauben.
    Danke für dein ehrliches Statement

    1. Chris Otten

      Krass, ich wusste garnicht, dass MK 9,8 die Jahreslosung für 2020 ist.
      Vielen Dank für deine Rückmeldung. Ich hoffe mit diesem Artikel dazu beizutragen,
      dass Zweifelnde in der christlichen Community nicht mehr stigmatisiert werden.

  2. Aaron

    Du hast völlig Recht, Zweifel sind etwas vollkommen Menschliches und jemand der die Meinung vertritt, er würde nie Zweifeln belügt sich nur selbst. Und schlussendlich ist es egal wie sehr wir uns anstrengen – vor Gott werden wir nie aus eigener Kraft gerecht. Deshalb ist es nur weiße seine menschlichen Schwächen einzugestehen und Gottes Geschenk der Gnade zu empfangen. Außerdem haben Zweifel – wie du schon geschrieben hast – auch ihre gute Seite.

    Mach auf jedenfall weiter so! Freu mich schon auf deinen nächsten Post.

    1. Chris Otten

      Amen. Ich denke auch, dass wir Gott nicht aus unser eigenen Kraft heraus gerecht werden können. Gerecht werden und sind wir durch Jesus Christus!

      Freut mich, dass dir dieser Beitrag anscheinend zugesagt und gefallen hat.

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