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Zeit zur Reflexion

Es ist Zeit zur Reflexion. Seit nun mehr vier Jahren studiere ich Theologie. Da ist Besinnung durchaus angebracht: Was treibt mich nach wie vor an? Was ist der Grund, warum ich mich dieser manchmal so brotlos anmutenden Kunst verschrieben und hingegeben habe? Und was verstehe ich eigentlich unter Theologie? Fragen über Fragen. 

Schon seit frühsten Tagen vernahm ich in mir das Verlangen Theologie zu studieren, ohne recht zu wissen, was das eigentlich ist. Sicher, irgendwas mit Gott und Kirche, aber eine konkrete Vorstellung hatte ich nun nicht. Wie auch immer, auch durch meine ambivalente Jugendzeit hindurch, in derer mein christlicher Glaube eher im seichten Winterschlaf war, blieb der Wunsch in mir existent. Als sich mir dann mit circa zwanzig die Türen zum Studium öffneten, war ich gleich Feuer und Flamme. Theologie, ich komme – es war wie Liebe auf den ersten Blick. 

Heute, vier Jahre später und noch immer im Bachelor-Studium verhaftet, schaue ich gerne mit einer Brise Nostalgie auf die anfängliche Euphorie zurück. Es war eine schöne Zeit. Alles neu. Alles aufregend. Die unendlichen Weiten der theologischen Spielwiese reizten mich, gleichsam eine regelrechte Informationsflut von Tag eins gegeben war. So viele neue Namen, so viele unterschiedliche Konzepte – von wichtigen historischen Daten und Ereignissen, die man sich einzuprägen habe, erst gar nicht zu sprechen. Aber es war mir alle Mühe wert, schließlich war ich von der Überzeugung beseelt, schon bald auf alles eine passende Antwort zu besitzen. 

Naja, dieser anfängliche und jungfräuliche Optimismus hat sich natürlich etwas verflüchtigt. Heute weiß ich, auch wenn es etwas abgedroschen klingen mag, dass ich eigentlich nichts weiß. Der Anblick meines Bücherregales, wo sich über die Zeit haufenweise Standartwerke angesammelt haben, mahnen mich täglich zur Demut und sind nicht selten der zwar schmerzhafte aber letztlich doch notwendige Stachel im Fleisch, wenn ich mal wieder zum illusorischen Höhenflug ansetze. Zu sehen, was man alles nicht weiß, erdet. Und manchmal muss ein Theologe der Erde näher sein als dem Himmel. 

Ich war also begeistert. Doch Begeisterung reicht natürlich nicht, um den Kampf und die Prüfungen eines Theologiestudiums zu durchstehen. Nur allzu leicht kann man entwurzelt und heimatlos werden. Im Urwald der Theologie kann man leicht die Orientierung und den Kontakt zur Außenwelt verlieren. Und auch ist nicht jedes Licht, welches einem aufgeht, etwas, was hin zu Christus führt. Irrlichter gibt es leider zur Genüge. Nicht selten stehen dabei einige Sektionen oder gleich der ganze Urwald in Brand. Infolge besitze ich nach einigen Jahren Theologie auch eine Handvoll Brandnarben. Doch die trage ich mit Würde. Denn nicht selten ist es so, dass gerade das Schmerzhafte, das Irritierende, die Kontroverse und Reibung dasjenige ist, was im Prozess der theologischen Ausbildung zur neuen und größeren Einsicht führt und die Wahrheit ins Herz versiegelt. Im Schmelzofen der Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten wird der Glaube in Form gegossen. Paar abschließende Hammerschläge tun dem Rohling keinen Abbruch. 

Glaube, der in der theologischen Ausbildung geformt wird, so zumindest mein Anspruch, ist also ständig in Bewegung; er kann nicht stehen bleiben. Ein fortlaufender Prozess der Konstruktion und Dekonstruktion, der Waldrodung und Neubepflanzung, durchzieht ihn. Dabei ist für mich ganz klar: Eine theologische Ausbildung, die lediglich zur Echokammer degeneriert und die eigene Meinung nur zur bestätigen sucht, ohne dabei kritischen Anfragen stellen zu dürfen, ist eine Schande für das ganze Gewerbe. 

Gleichsam ist mir im ganzen Wortgemetzel und Aufräumen mit Dogmen der Vergangenheit auch eines ziemlich deutlich geworden: Es braucht eine Konstante, einen Fixpunkt; es braucht Gott und Gottvertrauen. Nicht kategorisches Misstrauen, sprich methodischer Zweifel ist die Herzenshaltung, mit der man Theologie, also letztlich Gott selbst, studieren sollte, sondern Vertrauen und Zutrauen. Dabei geht es gewiss nicht um Naivität, Gehirnausschalten oder ideologische Scheuklappen. Es geht um eine Rahmenvoraussetzung, die ich mache, aber letztlich nicht beweisen kann: Die Existenz Gottes. Bei stürmischer See und turbulentem Wellengang kann ich mir nicht noch Gedanken darüber machen, ob der Steuermann meines Bootes überhaupt existiert. Das Vertrauen in sein Dasein wird vorausgesetzt, erweist sich dann aber in der Überfahrt als zutreffend. 

Es ist eine eigenartige Schizophrenie, die es auch nur im Christen-Reich zu geben scheint, dass Leute etwas studieren, woran sie letztlich eigentlich gar nicht wirklich glauben, ja was sie letztlich auf der Ebene von Fabelwesen und Luftschlössern ansiedeln. Nicht selten hört man dann Aussagen wie: Ich glaube an den Glauben der ersten Jünger. Was letztlich soviel heißt: Ich glaube zwar nicht, dass es etwas Übernatürliches geben kann, aber ich glaube daran, dass Leute vor zweitausend Jahren daran geglaubt haben. Wie tragfähig so ein Glaube ist, mag ich nicht bewerten, aber attraktiv erscheint es mir jedenfalls nicht. 

Doch bevor ich ins Schwafeln gerate, etwas, was ich auch nach vier Jahren Studium noch nicht unter die Füße bekommen habe, kommen wir jetzt zum Wesentlichen zurück. Was ist Theologie für mich? 

Auf einen elementaren Grundsatz heruntergebrochen und pointiert würde ich sagen: Theologie ist für mich Begegnung. Sie ist in erster Linie nicht reden über Gott, was Theologie im klassischen Sinne meint, sondern mit Gott. 

Theologie beginnt für mich in einer Begegnung. Mehr noch: Theologie ist Begegnung; Begegnung mit dem feurigen Gott Abrahams, Issaks und Jakobs selbst, der sich in der Person Jesus Christi nahbar gemacht hat. Jenem Gott also, zu dem der Theologe Stefan Vatter angemerkt hat, dass wir ihn zwar rational nicht gänzlich fassen, aber relational begegnen können. Für mich ist Theologie in einem Beziehungsgeschehen verankert. Die Beziehung zu Gott bildet gleichsam Anfang und Ende meines theologischen Arbeitens. Sie ist die Wurzel, die Quelle, ja der letztendliche Grund all meiner theologischen Bemühungen. Dabei geht es mir vordergründig nicht um Wissen, sondern Gewissheit, nicht um theoretische Erkenntnis, sondern erlebtes Bekenntnis. In anderen Worten: Über die vier Jahre ist mir wichtig geworden, dass Gott nicht gänzlich zu einer abstrakt-philosophischen Reflexionsgröße verkommen darf, obgleich mir ebenso auch das analytische und wissenschaftliche Nachdenken über Ihn, eben das Theologisieren, sehr am Herzen liegt. Denn in einer gelebten Beziehung zu Gott treten für mich die Fragen nach theoretischen Beschreibungen und Definition von seiner selbst und der Wirklichkeit an sich in den Hintergrund. Denn wenn Gott eine Person darstellt, was wesentlich zu meinem Glaubensbekenntnis gehört, dann erschließt sich Wesentliches aus einer Beziehung zu ihm und nicht durch theoretische Auseinandersetzung über ihn; dann erschließt sich Wesentliches weniger durchs Lesen als vielmehr durch reden. Wie Martin Buber gesagt hat: «Am Du wird das Ich zum Ich.» Gott ist in erster Linie eine erfahrbare Wirklichkeit, ein lebendiges Gegenüber, ein Du. Was bringt alle Erkenntnis, alles Wissen dieser Welt, wenn Gott am Ende nur ein diffuses Gedankenkonstrukt bleibt, welches nur wenig bis gar kein Einfluss auf meine Lebenswirklichkeit übt? 

Der Philosoph Richard David Precht hat einmal in Bezug auf die Philosophie angemerkt, dass sie nicht allein als das Erringen und Aneignen von (Fach-)Wissen verstanden werden darf. Analoges gilt für mich in Bezug auf mein eigenes theologisches Arbeiten. Denn es auf eine Ansammlung theoretischer Erkenntnis über Gott zu reduzieren, wäre – provokant formuliert – Sünde im eigentlichen Wortsinn: Zielverfehlung. 

Freilich kann man auch ohne Begegnung mit Gott theologisch arbeiten; es kann sogar für die Theologie als eine Wissenschaft eine Bereicherung sein, keine Frage, aber für mich persönlich bleibt das Beziehungsgeschehen mit Gott Dreh- und Angelpunkt meines theologischen Daseins. Denn, und davon bin ich überzeugt, die verändernde Kraft des Evangeliums wird nicht im alleinigen Nachdenken über Gott wirksam, sondern in der Begegnung mit dem Lebendigen. Genau diese verändernde, transformierende Kraft möchte ich erleben. Deshalb betreibe ich Theologie.

Aus meiner eben dargelegten Maxime – Theologie ist Begegnung – folgt nur freilich der Umstand, dass mein theologisches Arbeiten ein gewisses Moment der Muße, des Stehenbleibens beinhalten muss. So ist die Zeitform, in der Begegnung stattfindet, immer die Gegenwart. Im Hier und Jetzt begegnet Gott. Doch dort gilt es erst einmal anzukommen. Viel zu oft betreibe ich eine regelrechte Flucht vor mir selbst, zerstreue mich in die Nichtigkeiten des Lebens, lasse meine Gedanken endlos im Gestern und Morgen kreisen; hasche im Hamsterrad der Betriebsamkeit von einem (Gemeinde-)Termin zum nächsten. Die Folge? Anstatt wirklich einmal bei mir und damit auch bei Gott anzukommen, ihm also zu begegnen, renne ich quasi permanent an ihm vorbei. Doch verändernde Begegnung ereignet sich nicht im Vorbeihuschen, sondern im Anhalten, im Zeitnehmen, sich auf das Gegenüber völlig einzulassen. Wo Gott jedoch nur zu einer kurzen Station im geschäftigen Alltag verkommt, kann von wirklicher Begegnung keine Rede sein. Eine qualifizierte Rede über ihn (das Theologisieren), erscheint mir persönlich so kaum möglich. Es gilt also für mich, auch nach vier Jahren Studium, immer wieder stehenzubleiben, in der Gegenwart anzukommen und Gott in mir wahrzunehmen. Erst so eröffnen sich die Räume, in denen Begegnung stattfinden kann: Zeit und Stille. Genau hier vermag die Stimme Gottes, die der «Stimme eines sanften Säuselns» (1. Kön 19,12) gleicht, mich zu erreichen, mein Innerstes zu durchdringen. Diese Momente, wo Gott mich in meiner Personenmitte trifft (und formt), sind essenziell und unveräußerlich für mein theologisches Arbeiten. Ohne die direkte Begegnung mit Gott verliert mein theologisches Schaffen sein Fundament; es wird letztlich substanzlos, eine leere (und gewissermaßen heuchlerische) Hülle. 

Gleichsam beinhaltet Zeit und Stille auch die Möglichkeit, dass über Gott Erkannte zu verinnerlichen. Tiefe Erkenntnis benötigt Zeit und ist gewiss kein Fast-Food-Produkt; es bedarf einer intensiven Auseinandersetzung, ja manchmal ein regelrechtes Ringen mit dem Reflexionsgegenstand selbst: Gott. Doch dieser mitunter schmerzhafte und zeitintensive Prozess lohnt. So mag meine Theologie doch gerade dadurch an Schärfe und Profil gewinnen.

Wenn Theologie als Begegnung verstanden wird, und so verstehe ich sie, dann darf sie Momente des Stehenbleibens nicht aussparen – dies ist mir in der Rückschau auf die letzten vier Jahre nochmal neu bewusst geworden. Ich will in der Gegenwart, da wo Gott zu finden ist, ankommen. Ich will nicht lediglich über ihn reden, sondern von ihm, weil ich bei ihm war und in ihm bin. Wo die Dimension des bei ihm und in ihm verloren geht, gleicht mein theologisches Dasein am Ende des Tages nur Schall und Rauch und ich sollte lieber schweigen.