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Wie sieht Gott aus?

„Wie sieht Gott aus?“ Vier Wörter, großes Fragezeichen. Das Problem: Bis derweilen ist noch niemand über die Schwelle des Todes getreten, zurückgekehrt und könnte uns ein exaktes Portrait liefern. Selbst Johannes, der durch Visionen Einblick in die himmlischen Welten erhielt, ringt um die richtige Beschreibung, sucht nach adäquaten Bildworten. Letztlich kann er sich dem Ganzen nur annähern, gibt Richtungswerte. Es wird deutlich: Gott ist und bleibt immer auch jemand, der sich unseren Begriffen und Kategorien entzieht; er sprengt sie förmlich. Doch vermutlich ist es auch gut so, dass wir Gott nicht auf ein bestimmtes Bild fixieren und damit begrenzen können; dass Gott immer wieder unser Bild sprengt und um eine Farbnuance erweitert. 

Nun mag der kritische und versierte Bibelleser mit Verweis auf das Bilderverbot aus dem Dekalog (2. Mose 20,4f) die Frage „Wie sieht Gott aus?“ als unstatthaft zurückweisen, denn offensichtlich sollen wir uns ja kein Bild von Gott machen. Doch was meint die Bibelstelle tatsächlich? -sowohl der literarische als auch der kulturelle Kontext können es erhellen. Zunächst ist in den Blick zu nehmen, dass „Bilder“ im altorientalischen Verständnis immer im Zusammenhang mit einer kultischen Verehrung, einer Ehrerbietung vor den Göttern standen. Konkret wurde das entsprechende Bild, genauer gesagt die Statue aus Stein und das geritzte Holzrelief, als Wohnstätte, mitunter Körper der jeweiligen Gottheit verstanden. Vor diesem Hintergrund wird Vers 5 auch verständlich, in dem die kultische Huldigung allein Gott vorbehalten bleiben soll. (Das hebräische Wort für „Bild“ in Vers 4 meint auch ein behautest Bild, also eine Götterfigur.) 2. Mose 20,4 meint nicht, dass wir uns keine bildhafte Vorstellung von Gott machen dürfen. 

Nachdem wir also nun wieder uneingeschränkt die Phantasie walten lassen dürfen: Irgendwann ist mir einmal in Bezug auf alle die unterschiedlichen Denominationen und Konfessionen, die es im Christentum gibt, der Gedanke gekommen, dass zwar jede in ihrer eigenen Art einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit Gottes widerspiegelt, doch letztlich nur alle in ihrer Gesamtheit ein einigermaßen stimmiges Bild liefern können. Vielleicht lässt sich dieser Gedanke auch auf das Aussehen Gottes übertragen. Vielleicht geht es gar nicht darum, unter allen Bildern, die in unseren Köpfen so grassieren, eines als das wirklich zutreffende zu identifizieren. Vielleicht geht es darum, alle Bilder in ihrer Gesamtheit zu bündeln und zu begreifen: Gott ist so viel mehr, soviel facettenreicher und nur durch mehrere Perspektiven kommen wir dem Geheimnis stückweise nähe. Vielleicht kommen wir gerade im dialoghaften Zusammenfügen der Frage „Wie erscheint Gott mir?“ dem Bild Gottes auf die Schliche. 

Diese komplementäre Herangehensweise ist sicherlich auch im Sinne der Heiligen Schrift selbst. So ist ja gerade die Bibel randvoll mit unterschiedlichsten Bildbeschreibungen Gottes: Beispielsweise ist von ihm als Bärenmutter (Hos 13,8), als Schöpfer des Universums (Ps 127,1) oder als das Licht (1. Joh 1,5) die Rede. Und die Liste ließe sich endlos erweitern. Doch letztlich wäre Gott nicht ansatzweise in seiner Fülle erschöpft. Auch wäre es fahrlässig Gott auf eine Bildbeschreibung zu begrenzen, denn ja, Gott ist irgendwie wie eine tröstende Mutter (Jesaja 66,13), aber er ist nicht nur das. Ja, Gott hat etwas Väterliches (Mt 5,48), aber er ist nicht nur das. Wir tun gut daran, in Aufnahme des Reichtums an Bildern, Gott als denjenigen zu begreifen, der sich in keinem Bild erschöpfend beschreiben lässt, weil er jenseits aller Bilder steht. Bilder sind immer eine Reduktion, eine Verkürzung der Wirklichkeit. Gott ist aber die wirkliche Wirklichkeit. 

Gut, abseits aller Spekulation lässt sich jedoch eins mit Sicherheit feststellen: Gott ist eine Person; er besitzt eine Persönlichkeit. In der Heiligen Schrift wird er mehrfach als Jemand beschrieben, der Gefühlsregungen hat, der die Geschicke dieser Welt lenkt und der sich dem Menschen zuwendet. Es wird deutlich: Gott ist kein abstraktes Es, sondern ein wirkliches Gegenüber, ein ICH. Er stellt sich als der Ich bin, der ich bin vor und fordert die Anrede Du. Gleichzeitig stoßen wir auch hier wieder an eine Grenze. Denn wenn Gott den Menschen entgegentritt, dann doch meistens in Form eines Mediums (brennender Dornenbusch, Wolkensäule etc.). 

Etwas haptischer wird es dann in der Person Jesus Christus, die perfekte Manifestation des ewigen Gottes. Und tatsächlich, die Person Jesus Christus ist nochmal ein Sonderfall, schließlich spricht die Bibel von ihm als dem „Ebenbild des unvergänglichen Gottes“ (Kol 1,15). Oder erinnern wir uns an die Worte Jesu: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 15,9 teilweise). Erscheint es da nicht legitim mit Fingerzeig auf ihn zu sagen: „Schau, so sieht Gott aus! Hier haben wir doch jenes himmlisches Portrait – sogar live und in Farbe.“ Doch worin besteht das Abbildhafte eigentlich genau? 

Als Erhellung in dieser Angelegenheit erweist sich Hebr 1,3a, wo es lautet: „Er, der Abglanz seiner Herrlichkeit und Abbild seines Wesens […].» Herrlichkeit und Wesen – es geht also nicht um das Äußere Gottes, sondern um sein Inneres. Christus liefert uns eine einmalige Kartografie und Wesensschau vom Innenleben Gottes, weil er in seiner Natur und seinem Charakter ungeteilt mit dem Vater ist. Er ist nicht lediglich gottähnlich, im Sinne einer Entsprechung, wie es bei uns gewöhnlichen Menschen (1. Mose 1,26) der Fall ist; nein, er ist der Gottgleiche, der Gottidentische (Phil 2,6ff) – die frühen Kirchenväter haben es auch Wesenseins genannt. Christus verleiht Gott quasi ein endgültiges Gesicht; er ist das schlechthinnige Guckloch in das göttliche Geheimnis. 

Insgesamt stoßen wir bei allen benannten Manifestationen Gottes aber immer wieder auf die gleiche Problematik: Von der Erscheinungsform im Hier und Jetzt lässt sich schwerlich rückschließen, wie es hinter dem Vorhang ausschaut. 

Dass die Meisten von uns sich dann Gott aber wahrscheinlich doch – gerade wegen der Person Jesu – sehr menschlich vorstellen, ist letztlich rein menschlich. So neigt der Mensch dazu, alles Mögliche zu vermenschlichen. Wie der antike Philosoph Xenophanes gesagt haben soll: „Wenn die Pferde Götter hätten, dann sähen diese Götter wie Pferde aus.“ Wer kennt es nicht, dass die Front eines Autos verblüffende Ähnlichkeiten mit einem menschlichen Gesicht aufweist? Genauso, wie es unmöglich ist, uns einen Kontext ohne Raum und Zeit vorzustellen, fällt es uns schwer, eine Person ohne Physis zu denken. Weil Personen immer leibliche Wesen sind, gehen wir wie automatisch davon aus, dass es bei Gott ebenfalls so ist.So ist es eben in unserer Box. Ob es jedoch außerhalb der Box ebenfalls so ist, sehen wir, wenn die Box sich öffnet. Bis dahin bleibt alles Mutmaßung.  Doch eins ist sehr wahrscheinlich: „Wie sieht Gott aus?“ – vermutlich ganz anders