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Von religiöser Wahrheit und Toleranz

«Was ist Wahrheit?» Diese (Rück-)Frage stellte einst ein bekannter römischer Gouverneur jemanden, der tatsächlich zu behaupten wagte, die eine religiöse Wahrheit zu kennen. Wäre dies nicht schon anmaßend genug, besitzt dieser jemand an anderer Stelle sogar die Dreistigkeit zu sagen: «Ich bin die Wahrheit!» Indem er für sich beansprucht die personifizierte Wahrheit zu sein, weist er jeden anderen religiösen Wahrheitsanspruch kategorisch als falsch zurück. Außerhalb von ihm sei keine erlösende Wahrheit zu finden. Davon schien er restlos überzeugt zu sein, was gewiss nur bedeuten kann, dass er an einer religiösen Psychose gelitten haben muss, sprich ein geisteskranker Irrer war, dem man zurecht um die Ecke gebracht hatte. Eine andere Möglichkeit wäre aber auch, dass er mit voller Absicht getäuscht hat, was ihn zu einem der größten Blender, mit einer der folgenschwersten Lüge der Menschheitsgeschichte machen würde, der heute immer noch Millionen von Menschen auf dem Leim gehen. Allerdings gibt es auch noch eine dritte und letzte Option, die wie ein unsäglicher Witz klingen muss: Es stimmt, was er gesagt hat! Sympathisiert man mit Letzterem, befördert man sich in vielen Kreisen eigenhändig ins intellektuelle Abseits oder läuft Gefahr als intoleranter religiöser Fanatiker tituliert und abgestempelt zu werden. Da ich die Auseinandersetzung keineswegs scheue, lautet mein Bekenntnis: Ich sympathisiere nicht nur damit, sondern bin überzeugt davon, dass es nur die eine religiöse Wahrheit gibt, die zur Erlösung führt. Diese Wahrheit ist eine Person und trägt den Namen Jesus Christus.

Zugegeben, zunächst möge sich der Verdacht, meine Wenigkeit wäre ein intoleranter Fanatiker, sicherlich dadurch erhärten lassen, dass ich bereitwillig gestehe, meine religiöse Überzeugung unbedingt für die einzig wahre zu halten. Doch bin ich wirklich automatisch intolerant, wenn meiner christlichen Überzeugung ein Absolutheitsanspruch innewohnt? Passen Toleranz und ein Absolutheitsanspruch überhaupt zusammen?

Kurzer Einschub zum Begriff Absolutheitsanspruch: Zu jeder der großen Weltreligionen gehört die Überzeugung, eine letztgültige Aussage über die Wahrheit treffen zu können. Dementsprechend vertritt jede von ihnen einen extensiven Wahrheitsanspruch. Wird dieser Wahrheitsanspruch mit einer absolut gesetzten, ausschließlichen Bindung an das eigene Lehrsystem gekoppelt, welches für sich beansprucht, allein wahr und gültig zu sein, spricht man von einem Absolutheits- oder Exklusivitätsanspruch. Dass der christliche Glaube solch einen Anspruch erhebt, ist par excellence in der Apostelgeschichte 4,17 formuliert: «Bei niemand anderem ist Rettung zu finden; unter dem Himmel ist uns Menschen kein anderer Name gegeben, durch den wir gerettet werden können.» Die Rede ist hier von Jesus Christus, der an anderer Stelle sagt: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich» (Joh 14,6). Ein ganz schön intoleranter Typ, oder?

So wie ich das sehe, zählt der Toleranzbegriff in unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu jenen Begriffen, die häufig – unwissend oder absichtlich – missverstanden oder missbraucht werden.

Die klassische Auffassung von Toleranz, auch Duldsamkeit genannt, ist Folgende: Ich kann restlos überzeugt von der Richtigkeit meines Wahrheitsanspruches sein und es gleichzeitig ertragen, dass jemand anderes einen völlig kontradiktorischen Wahrheitsanspruch erhebt. Ich bin darüber hinaus sogar in der Lage, trotz der offenkundigen Differenz auf der sachlichen Ebene, meinem Gegenüber stets mit Respekt und Wertschätzung gegenüberzutreten. Sogar auch dann, wenn ich seinen Wahrheitsanspruch grundsätzlich für falsch halte und zurückweise.

Toleranz bezieht sich also konsequent auf die zwischenmenschliche Ebene und nicht auf die Inhaltsebene. Diese beiden Ebenen voneinander zu unterscheiden, ist wesentlich für den klassischen Toleranzbegriff. Meines Erachtens nach könnte es der französische Aufklärer Voltaire am besten auf den Punkt gebracht haben, indem er einem politischen Gegner gesagt haben soll: «Ihre Meinung ist mir zwar widerlich, aber ich werde mich dafür totschlagen lassen, dass sie sie sagen dürfen.» Gilt dies auch für meine christliche Überzeugung?

Heutzutage – zumindest in der westlichen Welt – wird unter dem Toleranzbegriff allerdings oftmals (grenzenlose?) Akzeptanz, eine gutheißende, zustimmende Haltung gegenüber einer Überzeugung, gefordert. Freilich: Akzeptanz gegenüber einer bestimmten Mainstreamüberzeugung. Und jeder, der es wagen sollte, dieser auch nur auf der inhaltlichen Ebene zu widersprechen, was für den klassischen Toleranzbegriff wesentlich ist, wird einfach der Intoleranz bezichtigt. Eine abweichende Überzeugung, das Andersdenken, wird nicht geduldet, sondern scharf verurteilt. Wo jedoch versucht wird, das Andersdenken zugunsten einer Mainstreamüberzeugung gänzlich einzuebnen, kann kein Kontext, im Sinne eines echten (gesellschaftlichen) Diskurses oder Dialoges, mehr existieren, indem Toleranz überhaupt realisiert werden kann. Der Autor Thomas Ribi hat mal im Feuilleton der NZZ geschrieben:

«Tolerieren bedeutet ertragen, und zwar gegen die eigene Überzeugung. Und das hat nur in einer Gesellschaft Platz, die den Widerstreit verschiedener Meinungen und Positionen kennt. Toleranz braucht als Gegengewicht zwingend die Auseinandersetzung, die furchtlose Debatte. Wer nicht bereit ist zu tolerieren, dass seine Überzeugungen zur Diskussion stehen, darf keine Toleranz beanspruchen. Wer nicht tolerant ist, darf sie auch nicht einfordern.»

Toleranz kann also nur im Dialog mit Andersdenken geübt werden. Wo kein Dialog stattfindet – weil keiner anders Denken darf –, da ist auch die Rede von Toleranz sinnlos. Und genau hier entpuppt sich (post-)modernes Toleranzverständnis des Mainstreams als eine Schizophrenie. So fordert er ausschließlich für seine Überzeugungen (grenzenlose) Akzeptanz – unter dem Deckmantel des Toleranzbegriffs –, spricht aber gleichzeitig anderen (religiösen) Überzeugungen jegliche Legitimation ab und unterbindet mit der geschwungen «Intoleranzkeule» jeglichen notwendigen Diskurs.

Auf ein etwas anders gelagertes Missverständnis bezüglich des Toleranzbegriff macht der Theologe Matthias Clausen aufmerksam: «Toleranz wird häufig mit Indifferenz, mit Gleichgültigkeit verwechselt. Also mit der Haltung: Lass uns einfach nicht mehr darüber streiten.» Dies sei aber, so seine Ansicht, ebenso wenig Toleranz, als vielmehr eine Form von gedanklicher Bequemlichkeit. Ich möchte nicht gänzlich in Abrede stellen, dass das Beenden oder Vertagen einer Debatte nicht auch konstruktiv wirken kann. Es mag sogar manchmal hilfreicher und weiser sein, einer Auseinandersetzung von vornherein aus dem Weg zu gehen. Wo jedoch prinzipiell die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Überzeugung eines Anderen gescheut wird, mit dem Verweis darauf, die Harmonie nicht zerstören zu wollen, da kann auch keine Rede von Toleranz sein. Diese Haltung wirkt vielleicht oberflächlich tolerant, aber in Wirklichkeit ist sie es kaum, denn das Resultat, wie schon beim ersten Missverständnis, ist das Gleiche: Es existiert kein Kontext, indem Toleranz überhaupt geübt werden kann.

Der christlichen Überzeugung wird ja oft vorgehalten, mit ihrem Absolutheitsanspruch religiöses Andersdenken automatisch abzuqualifizieren und damit intolerant zu sein. (Zur Erinnerung: Auf der inhaltlichen Ebene etwas abzuqualifizieren ist keine Intoleranz!) Denn wenn eine religiöse Ansicht für absolut wahr gehalten wird, müssen andere logischerweise als falsch gelten. Nachdem Prinzip: Was sich gegenseitig ausschließt, kann nicht gleichzeitig wahr sein. So etwas darf man aber in vielen Kontexten im Deutschland der Gegenwart in Bezug auf religiöse Wahrheiten der «Political correctness» wegen nicht mehr laut sagen, womit wir uns abermals vom ursprünglichen Toleranzbegriff verabschiedet haben. In unserer heutigen Gesellschaft bedeutet Toleranz nicht mehr, etwas dulden zu können, obwohl man es für falsch hält, sondern es gar nicht erst für falsch zu halten – damit sich auch bloß niemand auf dem Schlips getreten fühlt? Jeder religiöse Glaube muss an und für sich immer richtig stehen gelassen werden, da sonst ebenso die «Intoleranzstigmatisierung» droht.

Doch wer behauptet eigentlich, dass religiöse Überzeugungen an und für sich immer richtig bewertet und stehen gelassen werden müssen? Der Religiöse Pluralismus. Diese Behauptung ist aber schlussendlich was? Richtig, ein Glaube derjenigen, die religiösen Pluralismus propagieren. Und dieser Glaube ist ebenso exklusiv und nach ihrer eigenen modernen Definition «intolerant», wie der Absolutheitsanspruch eines Christen. Warum? Religiöser Pluralismus geht davon aus, dass alle nicht-pluralistischen Überzeugungen falsch sind. Er beansprucht ebenso für sich, die Wahrheit erkannt zu haben – stellt also einen absoluten Wahrheitsanspruch. Zudem will auch er, dass jeder, der nicht so denkt, seine Überzeugungen dahingehend ändern sollte. Dem christlichen Glauben die Pachtung der Wahrheit ständig als intolerant vorzuhalten, selbst aber einen Anspruch auf die eine Wahrheit zu stellen, ist eine (post-)moderne Doppelmoral des Mainstreams.

Ich möchte an dieser Stelle noch Beispiele nennen, die aufzeigen, dass selbst der noch so «tolerante» religiöse Pluralismus nicht ohne Zurückweisung bestimmter religiöser Überzeugungen auskommt – zumindest dann nicht, wenn er nicht selbst ins moralisch verwerfliche abdriften will. So muss auch er die religiöse Überzeugung islamistischer Terroristen, die legitimiert, Ungläubige zu töten, als inakzeptabel und falsch deklarieren. Gleiches gilt für religiöse Überzeugungen, die es gutheißen, dass Menschen einer Gottheit geopfert werden oder andere abscheuliche Riten praktiziert werden.

Auch wenn ich den religiösen Pluralismus mit seiner Behauptung, alle religiösen Überzeugungen seien gleichermaßen richtig, auf der Sachebene entschieden als Irrsinn zurückweise, kann ich ihm auf der zwischenmenschlichen Ebene nur zustimmen. Ich bin zwar auf der Sachebene ein überzeugter Singularist, aber auf der zwischenmenschlichen Ebene gerne auch Pluralist. Bedeutet, ich bin auch der Meinung, dass wir Menschen mit unterschiedlichsten religiösen Überzeugungen gleichermaßen respektieren sollten. In den Worten von Matthias Clausen: «Jeder sollte gut damit leben können, dass nebenan jemand wohnt, der etwas völlig anderes glaubt, und ihm dementsprechend mit Respekt begegnen.» Es gehört zu den unabdingbaren Grundlagen unserer Zivilisation, dass wir die (Meinungs-)Freiheit des Andersdenkenden – egal ob religiös oder säkular – achten und zugestehen, sprich tolerieren. Die Autorin Rosa Luxemberg hat mal den berühmten Satz geprägt: «Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden.»

Keine Frage, natürlich hat die Duldung der Freiheit des Andersdenkenden seine Grenzen (siehe die zwei Beispiele im vorletzten Absatz). Die Grenze verläuft meines Erachtens nach genau dort, wo es menschenverachtend wird beziehungsweise Menschenrechte mit Füßen getreten werden, wo extremistisches, faschistisches oder antidemokratisches Gedankengut salonfähig gemacht werden will. Der Philosoph Karl Popper bringt es folgendermaßen auf den Punkt:

«Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. […] Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.»

Um den Kreis zu schließen und die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, Toleranz und eine christliche Überzeugung, welcher ein Absolutheitsanspruch innewohnt, passen, entgegen der landläufigen Meinung, zusammen und widersprechen sich rein formal nicht. Nur weil ich etwas auf der inhaltlichen Ebene in Frage stelle – wozu ich übrigens als Christ aufgefordert bin (s. 1. Joh. 4,1) – oder gar als falsch zurückweise, bin ich bei Weitem noch nicht intolerant. Ich kann tolerant sein und gleichzeitig daran festhalten, dass Jesus Christus die einzige religiöse Wahrheit ist, die zur Erlösung führt, solang ich niemanden aufgrund seiner konträren Überzeugung diskreditiere. Mehr noch: Ich kann sogar für meine Überzeugung friedlich die Werbetrommel rühren. (Die Betonung liegt auf friedlich, ist dies bedauerlicherweise in der Kirchengeschichte zuhauf mittels Schwerter, also Gewalt, getan worden.) Wenn Jesus Christus wirklich die einzige religiöse Wahrheit darstellt, und davon gehe ich begründet aus, dann kann ich nicht jeden beliebigen Glauben, egal ob religiös oder atheistisch, stillschweigend als richtig akzeptieren. Von der Wahrheit meiner religiösen Ansicht mittels Argumente und dem eigenen Vorbild zu zeugen, ist legitim, solange die persönlichen Grenzen meines Gegenübers gewahrt bleiben und ich das Recht eines jeden respektiere, dass er glauben kann, was er will. Gerne dürfen auch Vertreter anderer Religionen versuchen, mich von ihrem Glauben zu überzeugen. Solange dies ebenfalls mit friedlichen Mittel passiert, ist alles paletti. Anders würde es, egal wie rum, auch nicht funktionieren, denn Glauben kann man bekanntlich nicht erzwingen.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Aaron

    Ganz schön komplexe Angelegenheit, zumal es so viele verschiedene “Definitionen” von diesem Begriff gibt. Da fällt es schwer den Überblick zu waren.

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