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Theologie – Wissenschaft oder Hokuspokus?

Ist es heute noch redlich von der Theologie als eine Wissenschaft zu sprechen? Schießt sie sich durch ihren klaren Übersinnlichkeitsbezug nicht von selbst ins Abseits? Können wir sie wirklich im gleichen Atemzug mit den Rolls-Royces unter den Wissenschaften, der Physik oder der Mathematik, nennen?

Eins ist klar, die einstige Mutter aller Wissenschaften, die Theologie, fristet heutzutage an den Bildungsstätten höchstens ein stiefmütterliches Dasein. Längst vorbei sind die glorreichen Zeiten, in denen sie neben Jura und Medizin zu den sogenannten „gehobenen Künsten“ zählte. Heute spricht man ihr sogar teilweise das bloße Existenzrecht ab; man sucht sie, in die neutralere Religionswissenschaft zu verfrachten. Spätestens seit der Aufklärung ist klar, dass in der Theologie nicht die „Wahrheit“ verhandelt wird. Die Welt und den Menschen erklären uns heute die Wissenschaften, allen voran die Naturwissenschaften. Ihr gewaltiger Fortschritt innerhalb der letzten 2 Jh. scheint die Theologie, mit ihrer Gotteshypothese, gänzlich überflüssig gemacht zu haben. Heute besitzen sie die uneingeschränkte Deutungshoheit über die Wirklichkeit – Gott hat da sicherlich keinen Platz. Als Welterklärer hat die Theologie ausgedient. Daher stellt sich die berechtigte Frage: Ist Theologie nur Hokuspokus? Oder verdient sie den Titel Wissenschaft doch irgendwie zu Recht?

Nun, zunächst ist festzustellen, dass die Theologie tatsächlich als ein Sonderling unter den wissenschaftlichen Disziplinen angesehen werden kann. Sie wirkt wie ein verstaubtes Relikt aus längst vergangener Zeit, wenn Sie den Usus der modernen Wissenschaft, dass der kritisch denkende Mensch, sprich die Vernunft, das Maß aller Dinge ist, ablehnt. (Freilich gibt es viele Theologen, gerade im Bereich der modernen Bibelwissenschaft, die ebenfalls beim reflektierenden Ich ansetzen; m.E. ein unannehmbarer Ansatzpunkt, widerspricht er doch stets dem Selbstanspruch ihres Forschungsgegenstandes: Gott.)  Der rationalistische Ansatz innerhalb der modernen Wissenschaft hängt wie ein Damoklesschwert über der Frage, ob die Theologie tatsächlich als eine Wissenschaft anzusehen ist. Denn sie behauptet ja gerade, in Gott denjenigen zu erkennen, der das Maß aller Dinge, ja sprichwörtlich die letzte Instanz darstellt. Sie ist also, und das bemerkt der Theologe Gerhard Maier treffend, ihrem Wesen nach unrationalistisch und nicht positivistisch. Nichtsdestotrotz, und das mag wie ein Affront gegen ein modernes Wissenschaftsverständnis klingen, spricht diese Beobachtung ihr noch keineswegs das Recht ab, sich als eine Wissenschaft auszuweisen. Warum? Hierfür sei auf den Umstand verwiesen, dass bis heute noch kein einheitlicher Wissenschaftsbegriff ausgelotet werden konnte. Einigt man sich jedoch auf einen Minimalkonsens, einen formalen Wissenschaftsbegriff, gilt die Etikettierung der Theologie als eine Wissenschaft in der gleichen Weise wie auch diejenige für die Physik. Denn hiernach bezeichnet Wissenschaft einen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vollzogenen Prozess des Nachdenkens, der sowohl methodisch strukturiert als auch unter denselben Bedingungen von anderen vollzogen und nachgeprüft werden kann. Auch die Tatsache, dass die Theologie Gemeinsamkeiten mit anderen stets als Wissenschaften anerkannten akademischen Disziplinen aufweist, qualifiziert sie als Wissenschaft. So legt auch sie Wert darauf, durch Anwendung von Methodik ihre Ergebnisse nachprüfbar zu machen und der Subjektivität des Forschungstreibenden Einhalt zu gebieten. Ferner fühlt sie sich ebenfalls stets der Wahrheit verpflichtet (auch wenn die Wahrheit eben eine über den Menschen hinausgehende Größe enthält). Auch verbindet sie ihre selbstkritische Haltung mit den übrigen Wissenschaften. Doch gerade am zuletzt Genannten entzündet sich der lodernde Brennherd in Bezug auf die Fragestellung, die uns umtreibt. Denn wird die Selbstkritik nicht genau dadurch ad absurdem geführt, dass sie gerade bei der Existenz Gottes eine Ausnahme macht, indem sie ihn stets voraussetzt? Und verwirkt die Theologie damit nicht ihr Existenzrecht als Wissenschaft? Entsprechend der gleichen Logik müssen wir jedoch fairerweise auch die Frage stellen, ob die Naturwissenschaften sich nicht dadurch als Wissenschaften disqualifizieren, dass sie das Prinzip der immanenten Erklärung stets voraussetzen? Doch wer würde hier den Naturwissenschaften schon das Wissenschafts-Sein absprechen? Sowas erscheint doch höchst unredlich zu sein!

Freilich, mit diesem unseriös anmutenden Fingerzeig auf andere, haben wir am Ende des Tages nichts gewonnen. Dennoch eröffnet sich hier eine grundlegende Problematik, die wir für unser Bemühen zu bedenken haben. Und zwar: Kann die Selbstbindung an etwas unverrückbar Vorgegebenem tatsächlich ein Ausdruck von Unwissenschaftlichkeit sein? Anders gefragt: Wie voraussetzungslos muss eine Wissenschaft sein, damit sie eine Wissenschaft sein kann?

Kommen wir nochmal kurz zurück zum Prinzip der immanenten Erklärung. Was ist hiermit eigentlich genau gemeint? Kurzum: Vorgänge und Phänomene in dieser Welt müssen stets durch innerweltliche Wirkzusammenhänge, also Ursache – Wirkung, erklärt werden. Anders ausgedrückt: Erklär’s ohne Gott! Diese Devise ist nicht unlängst zur unumstößlichen Spielregel aller Wissenschaftlichkeit avanciert worden. Wer heute ernsthaft Wissenschaft betreiben will, muss zwar die Existenz Gottes (theoretisch) nicht zwingend leugnen, aber er ist auch stets dazu verpflichtet, davon auszugehen, dass es in der Welt immer mit rechten Dingen, sprich natürlichen Dingen zugeht.

Keine Frage, die Wissenschaft besitzt meines Erachtens jedes Recht der Welt dazu, sich in ihrer Arbeit auf bestimmte Methoden oder Spielregeln zu verständigen und zu beschränken. Jedoch müssen wir in diesem Zusammenhang, und darauf weist der Philosoph Holm Tetens treffend hin, folgendes wissenschafts-historisches Faktum beachten: So ist die Spielregel „Erklär’s ohne Gott!“  nicht in Geltung gesetzt worden, weil oder nachdem man das Dasein Gottes widerlegt hat und darüber hinaus wissenschaftlich bewiesen hätte, dass sich alles am besten natürlich erklären lässt; nein, Gott ist einfach als akzeptable Erklärung von vornherein kategorisch ausgeschlossen worden. D.h. aber auch: Die Maxime „Erklär’s ohne Gott!“ folgt weniger aus den Resultaten und Ergebnissen der Wissenschaft, sondern ist vielmehr eine angeordnete und verpflichtende Ausgangsposition. Eine Ausgangsposition, die im Letzten weltanschaulich begründet werden muss. Sie entspringt sozusagen persönlichen Präferenzen. Sie muss schlussendlich geglaubt werden.

Lass mich es mit einem Bild verdeutlichen: Es ist vergleichbar mit einem Richter, der aufgrund von persönlichen Präferenzen, einen vom Staatsanwalt vorgebrachten Verdächtigen, grundsätzlich für nicht belastbar erklärt, ungeachtet dessen, wie belastet die Indizien auch sein mögen. Die Anklage wird kategorisch zurückgewiesen und ein anderer Täter muss ausfindig gemacht werden.

Und damit zurück zu der Frage, wie voraussetzungslos muss eine Wissenschaft sein, damit sie als Wissenschaft gelten kann? Nun, der Standpunkt, dass Wissenschaft stets voraussetzungslos betrieben werden muss, hat sich inzwischen als ein Mythos erwiesen. Wissenschaft kann nicht voraussetzungslos betrieben werden. So hat beispielweise der Philosoph Friedrich Nietzsche gezeigt, dass auch die Wissenschaft letztlich auf Überzeugungen beruht. Überzeugungen, die im Grund genommen nicht bewiesen werden können, sondern angenommen werden müssen. Und wie wir gesehen haben, erweist sich das Prinzip der immanenten Erklärung, genau wie die Gotteshypothese auch, als eine solche Überzeugung, womit wir zumindest eine Pattsituation haben.

Wissenschaft kann niemals eine neutrale Unternehmung darstellen; obgleich sie sich stets um größtmögliche Objektivität bemüht. Sie wird immer einen gewissen Glaubensmoment beinhalten, von Voraussetzung getragen sein, die letztlich reine Annahmen bleiben. Von dieser Einsicht her, liegt in der Zurückweisung der Theologie als eine Pseudowissenschaft eine gewisse Doppelmoral. Es beschleicht mich das latente Gefühl, dass hier oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Denn wo man der Theologie seit der Aufklärung aufgrund ihrer unveräußerlichen Voraussetzung, der Existenz und Wirksamkeit Gottes, die Wissenschaftlichkeit abzusprechen versucht, ist bei den Naturwissenschaften genau das Gegenteil der Fall. Ihnen wird nicht die Wissenschaftlichkeit abgesprochen, obwohl sie an der absoluten Voraussetzung, dem Prinzip der immanenten Erklärung, der unveräußerlichen Spielregel „Erklär’s ohne Gott“ festhalten. Es ist eher so: Wer diese Spielregel missachtet, quasi mit der Voraussetzung bricht und Phänomene anhand einer transzendenten Wirkungsgröße, also Gott, dessen Existenz wohlgemerkt nicht widerlegt ist und daher theoretisch als Erklärung in Betracht gezogen werden kann, zu erklären versucht; derjenige, der dies tut, wird schnell der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt und in die Ecke der Pseudowissenschaft gestellt. Doch mit welchem Recht? Auf welcher Basis wird dieses Urteil gefällt? Letztlich auf einer Annahme, die den Charakter einer Glaubensaussage besitzt.

An dieser Stelle sei noch hinzugefügt, dass es mir gewiss nicht darum geht, das Prinzip der immanenten Erklärung zu diskreditieren. Ferner nicht, die eigene Position durch die Abwertung der anderen besser erscheinen zu lassen. So bin ich den (Natur-)Wissenschaften und deren Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sehr dankbar und schmälere diese auf keinen Fall. Es ist nur sonderlich erschreckend, wie mit zweierlei Maß gemessen wird; der Theologie mit einem Argument die Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird, welches in letzter Konsequenz auch andere Wissenschaften disqualifizieren würde.

Um nun die zu Anfang gestellte Frage zu beantworten: Die Theologie kann aufgrund ihrer unveräußerlichen Voraussetzung nicht als unwissenschaftlicher Hokuspokus abgestempelt werden. Wie jede andere Wissenschaft auch, kann sie nicht voraussetzungslos bleiben. Wer der Theologie dennoch, aufgrund ihrer nicht gegebenen Voraussetzungslosigkeit, versucht, das Existenzrecht abzusprechen, verdeutlich damit lediglich, dass er dem Mythos des voraussetzungslosen Arbeitens als ein Charakteristikum für Wissenschaftlichkeit anheimgefallen ist. Vielleicht, und dies ist gewiss polemisch formuliert, ist genau diese mangelnde Reflexionsarbeit der eigenen weltanschaulichen Annahmen vielmehr ein Zeichen von Unwissenschaftlichkeit, als die Tatsache, dass die Theologie an Gott unaufhebbar festhält. Denn im Gegensatz zur vermeintlichen Voraussetzungslosigkeit gilt die Reflexion des Forschungssubjekts wirklich als Gütekriterium für Wissenschaftlichkeit.