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Selbstoptimierung – Fluch der Leistungsgesellschaft

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  • Beitrags-Kategorie:Theologie

Wir leben bekanntlich in einer Leistungsgesellschaft, in der gilt, dass der Wert einer Sache maßgeblich von seiner erbrachten Leistung abhängt. Sprich, was viel leistet, ist auch viel wert. Schon längst ist diese Gesetzmäßigkeit in den Köpfen vieler Menschen fest verankert und wirkt dort pathologisch. Es gleicht einem Virus, das seinen Wirt langsam umbringt. Das verfestigte Denkmuster, indem der Selbstwert an die generierte Leistung gekoppelt wird, treibt nicht wenige in einen regelrechten Selbstoptimierungswahn, der oftmals keine Grenzen mehr kennt. Gerade Menschen, die ohnehin schon an einem mangelnden Selbstwertgefühl leiden, sind leider besonders anfällig dafür. Allgemein lautet die Mission, den persönlichen Leistungsoutput zu erhöhen. Die sich davon erhoffte Steigerung des Selbstwerts stellt sich für viele zunächst auch ein. Nicht zuletzt dadurch, dass die Gesellschaft und das unmittelbare Umfeld auf erbrachte Leistung häufig mit Anerkennung reagiert. Ist der Versuch den Selbstwert mittels Leistung zu kompensieren erfolgreich geglückt, setzt schnell eine Konditionierung ein. Das Heimtückische daran: Es bedarf ein immer höheren Leistungsoutput, um den eigenen Selbstwert zu stabilisieren, da der gewünschte Effekt bei zunehmender Nutzung des Mechanismus abschwächt. Letztlich endet das sich immer schneller drehende Hamsterrad für nicht wenige in der Klinik, am absoluten Tiefpunkt – für manche sogar leider im Freitod. So führte auch mein Hamsterrad 2018 in die psychiatrische Abteilung des St. Josef Krankenhaus Oberhausen. Die Diagnose: physischer und psychischer Erschöpfungszustand (Burnout) und Depressionen.

Exzessive Selbstoptimierung ist Krieg führen mit sich selbst. Es ist eine Form von Gewalt, eine Vergewaltigung der Seele. Das eigene Selbst wird unter dem Dogma des „Höher, Schneller, Weiter“ freiwillig ausgebeutet, geschändet und verheizt, bis am Ende ein abgebranntes Wrack übrigbleibt. Ferner bedeutet grenzenlose Selbstoptimierung sich selbst zu Geiseln.  Man greift zur Peitsche und treibt sich selbst auf ein immer höheres Leistungsniveau. Damit einher geht eine ständige Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand. Die fessellose Selbstoptimierung impliziert eine konstante Selbstenttäuschung. Das Ziel ist nie erreicht, es geht immer noch mehr. Alles ist eine Etappe, eine Zwischenebene. „Stillstand ist Rückschritt“ lautet das neue Glaubensbekenntnis.  Die Leistungsgesellschaft erweist sich als eine Gesellschaft der Selbstausbeuter. Dabei darf man allerdings keine Anzeichen von Schwäche zeigen. Sie verträgt sich nicht mit der Leistungslogik. In der Leistungsgesellschaft gilt es zu funktionieren, notfalls mittels Analgetikums, schmerzstillenden Mitteln. Die physischen Grenzen, die existieren und welche die eigene Physis immer deutlicher signalisiert, werden unter immer größerem Gebrauch von Medikamenten versucht zum Verstummen zu bringen. Dem steigenden Medikamentenmissbrauch geht meistens ein horrender Koffeinkonsum voraus. Energydrinks und Kaffee, die Volksdroge schlechthin, bilden zunehmend die einzige Flüssigkeitsquelle. Doch die versprochenen Flügel bleiben allmählich aus. Der illusorische Höhenflug endet nicht selten im totalen Systemausfall. Pfeift man schlussendlich aus allen erdenklichen Löchern und hat die Produktpallette der (il-)legalen Upper (aufputschende Substanzen) durch, realisiert man vielleicht, dass man die Schlacht verloren hat und Hilfe benötigt. Doch durch die konditionierte Leistungslogik kann selbst die Inanspruchnahme von Nothilfe pervertiert werden, indem sie lediglich zur Wiederherstellung des ehemaligen Leistungsoutputs fungieren soll – krank. Die erneute Kollision mit den Grenzen der eignen Physis ist damit schon vorprogrammiert, wovon ich persönlich ein Lied singen kann. Die Folgeschäden einer hemmungslosen Selbstoptimierung brauchen oftmals Jahre, um behoben zu werden, manchmal sogar ein Leben lang. Mein persönliches Fazit: Die seelische Gesundheit auf dem Hochaltar der Leistung zu opfern, rechnet sich nicht.

Der Mensch kann nicht unendlich optimiert werden. Seine Leistung nicht bis ins Unendliche potenziert werden. Als biologisches Wesen hat er Grenzen. Die kann er zwar mal eine Zeitlang überschreiten, aber ständig auf der Überholspur zu fahren, hat meistens einen Getriebeschaden zur Folge. Eine große Lüge unserer Zeit lautet, dass der Wert eines Menschen von seiner Leistung abhängt. Bullshit, der Wert eines Menschen ist weit mehr als die Summe seiner Leistung. Ich persönlich würde sogar sagen, dass der Wert eines Menschen vollkommen unabhängig von seiner Leistung zu bestimmen ist. Der Wert eines Menschen haftet ihm wesensgemäß an. Der Mensch ist wertvoll, weil er ist. Und was der Mensch letztlich ist, beschreibt für mich als Christ in erster Linie die Bibel. Sie präsentiert den Menschen als ein Geschöpf Gottes. Nicht irgendein Geschöpf, sondern das Geschöpf. Jenes Geschöpf, worüber geschrieben steht: «Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau» (1. Mose 1,27). Der Mensch ist im Ebenbild Gottes geschaffen. Hierin erweist sich der unendliche Wert des Menschen. Der Mensch ist wertvoll, weil er von Gott gewollt und geschaffen ist. Er ist die Krone seiner Schöpfung, das i-Tüpfelchen. Der Mensch muss sich nicht selbst optimieren, da er bereits sehr gut geschaffen ist (siehe 1.Mose 1,31). Wer das erkennt und im Herzen versteht, der kann zufrieden in den Spiegel schauen.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Aaron

    Traurig aber wahr! Die chinesische Kultur hat sogar ein eigenes Wort für “Tod durch Überarbeitung”…

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