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Sind alle Religionen gleich? 1/2

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  • Beitrags-Kategorie:Theologie

Mit dem Aufkommen des Menschen, kam auch die Religion, sprich der Glaube daran, dass die materielle Erfahrungswelt nicht alles sein kann, es ein darüber hinaus oder dahinter gibt, eine transzendente (überirdische, übernatürliche) Kraft beziehungsweise Gottheit(en). Religion ist vereinfacht gesagt das, was Menschen aus ihrer innewohnenden Ahnung von etwas Größerem konzipieren und ausdenken. Wie man sich nun dieses Größere genau vorzustellen hat, ist im Laufe der Menschheitsgeschichte sehr unterschiedlich beantwortet worden. So gibt es heutzutage neben den fünf großen etablierten Weltreligionen (Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und Judentum), die geschätzte 4,9 Milliarden Anhänger zählen, noch andere religiöse Formen und Bewegungen, die so unzählig und differenziert sind, dass eine Auflistung den Rahmen dieses Blogartikels sprengen würde. Eins können wir jedoch mit Sicherheit festhalten: Gleich auch welche Statistiken oder Studien konsultiert werden, die Mehrheit (ca. 2/3) aller Menschen weltweit bezeichnet sich selbst als «religiös», im Sinne eines Glaubens an etwas transzendent Höheres.

Fragt man mich, verdienen alle unterschiedlichen Interpretationen einer über den Menschen hinausgehenden Wirklichkeit zunächst einmal Respekt, versuchen doch alle dem evidenten tiefwohnenden Verlangen des Menschen nach Transzendenz nachzuspüren, auch wenn viele aufgeklärte Intellektuelle dies heutzutage kategorisch als primitiv und illusorisch abstempeln. Der vordergründigen Wertschätzung folgt dann natürlich im zweiten Schritt die absolut relevante und berechtigte Frage, in wie fern die einzelnen religiösen Interpretationen tatsächlich ein (logisch, moralisch) tragfähiges Konzept der transzendenten Größe entwerfen und liefern können. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen – ja, ich denke es gibt Weizen! Leider neigen wir Menschen dazu, den ersten Schritt zu übergehen, das Andere, dem Bekannten völlig Befremdliche, grundsätzlich skeptisch, mitunter abwehrend oder aggressiv, – gewiss oft unter guter Begründung – entgegenzutreten, anstatt sich relativ unvoreingenommen auf etwas Neues einzulassen. Sicher möchte ich es niemandem verübeln, neige ich doch häufig zu Selbigen, furchtbar schade ist es jedoch trotzdem. Für mich ist es vergleichbar mit jemandem, der in einem Restaurant, ungeachtet der Vielfalt anderer leckeren Speisen, prinzipiell Pommes-Currywurst ordert, nur um bei der Wahl von etwas Neuem, dem Gaumen völlig Fremden – Wienerschnitzel? –, bloss nicht enttäuscht zu werden. Meines Erachtens ist dieser Jemand zu bedauern, bleibt ihm doch der kulinarische Hochgenuss eines Wienerschnitzels verwehrt und der eigene geschmackliche Horizont begrenzt. Und vielleicht, aber auch nur vielleicht, schaut dieser Jemand am Ende der Tag auf sein Leben zurück und denkt: «Hätte ich doch nur mal Wienerschnitzel probiert» – aber es wird zu spät sein.

Die einschlägige Ansicht vieler Zeitgenossen bezüglich religiöser Ausmalung einer transzendenten Wirklichkeit lautet, wenn sie nicht gänzlich als Überfunktion des menschlichen Gehirns gedeutet werden, dass wenn Anhänger verschiedener Religionen, sei es des Christentums, Judentums oder Islams, zu ihrer Gottheit rufen, alle im Grunde genommen denselben Gott anrufen; sie benutzen lediglich verschiedene Begrifflichkeiten – Allah oder Yahweh. Frei nach dem Motto: Alle Wege führen nach Rom. Oder wie es Mahatma Gandhi einmal zu sagen pflegte: «Religion hat eine Seele, aber sie zeigt sich in einer Vielzahl von Formen.» Doch so tolerant und modern es auch klingen mag, stimmt das?

So verbreitet diese Ansicht auch ist, so fragwürdig ist sie auch. Dem aufmerksamen Beobachter wird selbst bei einer flüchtigen und oberflächlichen Betrachtung nur(!) der großen Weltreligionen augenscheinlich, dass ihnen mehr widersprüchliche und inkompatible Auskünfte inhärent sind, als harmonische. Zwar stimmt es, dass den meisten Religionen ein ähnlicher Moralkodex zugrunde liegt, aber in praktisch allen wichtigen Lebensfragen, der Frage nach dem Wesen Gottes, der Natur des Menschen, der Erlösung, des Himmels oder der Schöpfung, widersprechen sich ihre Antworten fundamental – gewiss keine Nebensächlichkeiten. Wer also die Behauptung in den Raum stellt, im Grunde genommen meinen alle Religionen dasselbe, nur die Zufahrtswege verlaufen anders, der bekundet damit lediglich Unkenntnis. Ein Beispiel zur Verdeutlichung.

Während monotheistische Religionen, wie das Christentum, der Islam oder das Judentum lehren, dass das Universum das geistige Produkt des schöpferischen Triebes einer allmächtigen und personifizierten Gottheit darstellt, gibt es in pantheistischen Religionen, wie dem Hinduismus oder einigen Formen des Buddhismus, die Vorstellung, dass alles, was existiert, Teil einer unpersönlichen Kraft oder Gottheit ist. Gott ist quasi alles respektive in Allem. Wir können die unterschiedlichen Auskünfte mit einem Maler und einem Gemälde vergleichen. So gehen erstgenannte davon aus, dass das Gemälde zwar vom Maler stammt, aber das Gemälde nicht identisch mit dem Maler selbst ist, auch wenn viel vom Maler selbst im Gemälde steckt. Zweitgenannte halten Gemälde und Maler für identisch – der Maler ist das Gemälde und das Gemälde ist der Maler. Natürlich gibt es noch eine dritte Möglichkeit: Atheismus. Hier wird zwar so etwas wie ein Gemälde erkannt, allerdings der Rückschluss auf einen Maler kategorisch ausgeschlossen – das Gemälde hat einfach keinen Maler.

Hier kann man nicht sagen: «Der eine sieht es so, und der andere halt so» – eine Frage der Perspektive. Es sind diametrale Konzepte, Auskünfte oder Vorstellungen, die nicht alle gleichzeitig stimmen können. Wie es in der Frage, ob ich gestern geduscht habe oder nicht, nur richtig oder falsch geben kann, kann auch in Bezug auf die verschiedenen Religionen gelten: Entweder ist die eine richtig oder die andere. Es können nicht alle gleichzeitig wahr sein, da sie sich gegenseitig ausschließen.

Freilich lässt sich einwenden, wir haben lediglich aufgezeigt, dass zwischen monotheistischen und pantheistischen Religionen zu differenzieren ist. Doch der Schein trügt. Auch die Wege des Christentums, Judentums und Islams trennen sich alsbald; nämlich an der Person Jesus Christus. Während er im Christentum als Gott verehrt wird, stellt er im Islam lediglich einen Propheten dar. Im Judentum wird er sogar als falscher Messias gänzlich abgelehnt. So scheiden sich an ihm nicht nur die Geister, sondern auch die genannten Religionen. Und wieder gilt: Es können nicht alle recht haben.

Keine Frage, es gibt auch etliche interreligiöse Überscheidungspunkte und viele Ansichten können gewiss koexistieren, aber im Großen und Ganzen, in Bezug auf die wichtigen Lebensfragen, können einfach nicht alle gleichermaßen der Wahrheit entsprechen. (Freilich kann man auch die Meinung vertreten, dass überhaupt keine Religion wahr ist, was jetzt aber nicht vertieft Gegenstand sein soll.) Mit anderen Worten: Einige Religionen müssen falsch sein! (Dass einem bei dieser Aussage zu unrechterweise die «Intoleranzstigmatisierung» droht, habe ich bereits in einem gesonderten Blogartikel Von religiöser Wahrheit und Toleranz thematisiert – lesenswert!) Es liegt jedoch fern von mir, zu behaupten, dass jegliche Religionen, mit Ausnahme einer, völlig falsch sind oder sie überhaupt keine wahren Aussagen beinhalten. Fast alle Religionen haben etwas Wahres erkannt. Dies in Abrede zu stellen, wäre absurd. Grund hier liegt in der Tatsache, dass Religion weit mehr ist, als der Glaube an das Göttliche, wie viele fälschlicherweise annehmen. Sie beinhalten nicht nur eine Reihe von Glaubenslehren und abstrakten Vorstellungen über das Transzendente, sondern ebenso relevante Vorstellungen von Würde und Bestimmung des Menschen. Hieraus abgeleitet, formulieren viele große Religionen ähnliche Kodexe oder Richtlinien, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollten. Beispielhaft kann hier der Begriff der Nächstenliebe genannt werden, welcher sowohl für das Judentum (Lev. 19,18), als auch das Christentum (Mark. 12,29-31) von zentraler Bedeutung ist. In diesem Sinne, betreffend der zwischenmenschlichen Ebene, können viele Religionen gleichzeitig Wahres erkannt haben und enthalten. (Auch unreligiöse Weltanschauungen können Wahres beinhalten!) Nichtsdestotrotz können die unterschiedlichen Religionen nicht auf allen Ebenen gleichzeitig wahr sein. Daher stellt sich natürlich die entscheidende Frage: Welche Religion entspricht gänzlich der Wahrheit?

Wer sich auf die religiöse Wahrheitssuche begibt, kann angesichts der Fülle unterschiedlicher Pfade und Abzweigungen schnell entmutigt werden. Doch mit der entsprechenden Ausrüstung kann das Gefühl wie ein Ochs vorm Berg zu stehen, ebenso schnell kompensiert werden. Mit der entsprechenden Karte und einem funktionierenden Kompass, lässt sich bekanntlich jede noch so beschwerliche Tour bestreiten. Wie Karte und Kompass unerlässlich für einen Wanderer sind, brauchen auch wir für unsere Unternehmung zwei Möglichkeiten zur Orientierung: Nachvollziehbarkeit und Erlebbarkeit. Ob ein Pfad wirklich der Richtige ist, kann nur im Zusammenspiel beider Aspekte ausgelotet werden. Bleibt eins davon auf der Strecke, kann der eingeschlagene Pfad als Sackgasse gelten. Es verhält sich nämlich so, wenn eine Religion oder Glaubensüberzeugung in gewisser Form zu Erlebnissen führt, ihr es aber an Nachvollziehbarkeit mangelt, kann diese rapide als Einbildung identifiziert werden. Fehlt es ihr hingegen gänzlich an Erlebbarkeit, dafür erscheint sie aber nachvollziehbar, kann diese zwar ein hübsches Gedankengebäude sein, was allerdings für die meisten Menschen höchst irrelevant sein sollte.

Bevor wir unser Abenteuer jedoch beginnen wollen, würde ich vorschlagen, dass wir an dieser Stelle eine Pause einlegen. Wahrscheinlich wird Einigen schon unsäglich der Magen knurren. Da gilt: Ohne Mampf kein Kampf; wäre es töricht einfach weiter zu stiefeln. Also, lasst uns nochmal alle Kräfte mobilisieren – vielleicht ja sogar mit einem Wienerschnitzel. Ich würde es zumindest empfehlen.