Rede von Gott – möglich oder unmöglich?

https://pixabay.com/de/photos/frage-fragezeichen-umfrage-problem-2736480/

Jeder, der mal den Versuch unternommen hat, die komplexe Maserung einer Tischplatte in Worte zu kleiden, der merkt wahrscheinlich schnell, so recht funktioniert es nicht. Oder ein anderes Beispiel: Auf meinem Schreibtisch steht gerade ein Blumenstrauß. Selbst wenn ich versuchen würde, dir die exakte Anordnung der einzelnen Blumen zu beschreiben, würdest du höchst wahrscheinlich ein anderes Bild vor Augen haben als ich. Irgendwie scheint menschliche Sprache vor der Komplexität und Individualität des Vorfindlichen in die Knie gezwungen zu werden.

Natürlich sind die angeführten Beispiele marginal. In der Regel macht es für die alltägliche Verständigung keinen Unterschied, ob wir von demselben oder dem Gleichen reden. Im Notfall lässt sich im digitalen Zeitalter auch einfach ein Bild machen.

Nun gibt es aber auch Dinge, die lassen sich nicht mal so eben fotografieren, zum Beispiel: Gott. Hier bleibt letztlich nur Sprache. Aber wenn es uns schon unmöglich ist, die profansten Dinge der Welt exakt zu beschreiben, die wir vor Augen haben, wie viel aussichtloser wird es sich dann bei dem Unsichtbaren gestalten? Ist damit letztlich aber nicht auch jede Rede von Gott, sprich Theologie (McGrath 2013:261), zum Scheitern verurteilt? Sollten wir lieber schweigen?

Wie können wir angesichts dieser Gemengelage noch recht von Gott sprechen?

Zwei Wege

Grundsätzlich stehen sich in der Frage zwei rivalisierende Anfahrtswege gegenüber: der affirmative (bejahende) und der negative (verneinende) Ansatz (McGrath 2013:261-262).

Daumen hoch

Vertreter:innen einer Affirmativen/Positiven Theologie sind der Überzeugung, dass bestätigende Aussagen über Gott möglich sind, etwa: Gott ist ein Vater. Trotz ihrer Begrenztheit werden menschliche Sprachkategorien als hinlänglich verstanden, um über das göttliche Geheimnis zu sprechen. Als Beweis gilt ihnen die affirmative Sprache innerhalb der Bibel.

Möglichkeiten einer affirmativen Redeweise sind die Analogie oder die Übersteigerung. Das Prinzip der Analogie beruht auf dem Gedanken, dass zwischen Gott und was aus ihm hervorgegangen ist, eine gewisse Ähnlichkeit besteht, die es legitim erscheinen lässt, irdische Kategorien auf ihn anzuwenden; obgleich dies, wie Thomas von Aquin (1225-1274) betont, behutsam geschehen müsse, weil auch unvergleichbare Unterschiede bestehen (McGrath 2013:263). Die Aussage Gott ist ein Vater sollte man lieber verstehen als Gott ist (in machen aber nicht in allen Vergleichspunkten) wie ein (irdischer) Vater (ebd). Eine analogische Rede muss sich ihrer Grenzen stets bewusst sein. Bei der zweiten Möglichkeit geht es entweder um eine Übersteigung der irdischen Begriffe, im Sinne: Gott ist übergut; oder man schließt vom Kleinen auf das Größere: der Mensch ist weise – Gott ist maximal weise (Leppin 2007:31).

Daumen runter

Verfechter:innen einer Negativen Theologie halten dagegen, dass die menschliche Sprache dermaßen unzulänglich ist, dass sie Gott nicht mal ansatzweise gerecht werden kann. Lediglich eine verneinende Redeweise erscheint angemessen, etwa: Gott ist eine Nicht-Person. In einer positiven Sprache wittern sie die Gefahr, dass Gott auf ein menschliches Maß reduziert werde. In einer radikalen Form dieses Ansatzes, beispielsweise bei Basilius von Casarea (330-379), bleibt nur noch der Gedanke der bloßen Existenz des Göttlichen übrig (McGrath 2013:262).

Als Begründer der christlichen Negativen Theologie gilt, gemäß Leppin (2007:31), Pseudo-Dionysius Areopagita (frühes 6 Jh.). Für ihn stehen sich bejahende und verneinende Gottesreden keinesfalls ebenbürtig gegenüber (Benk 2018). Zwar seien positive Redeweisen (gerade für den Laien) hilfreich, um sich Gott etwas anzunähern, aber um das große Ziel der unio mystica, der Einswerdung, zu erreichen, taugen sie nichts (Leppin 2007:32). Dabei denkt Dionysius aber nicht an eine einfache, sondern eine umfassende Negation; das Gesetzte wie auch das Gegenteil müssen verneint werden, etwa: Gott ist so wenig Größe wie Kleinheit. Auch dürfen verneinende Redeweisen nicht dazu missbraucht werden, um im Umkehrschluss doch etwas Positives auszusagen. Oft bleibt nur noch das Reden in Paradoxien, wie etwa: überlichtes Dunkel (:28).

Doch auch die Negative Theologie ist nicht kritiklos geblieben. Beispielsweise wendet Urs von Balthasar (1905-1988) mit Blick auf die Heilige Schrift ein, dass trotz einiger entgegenstehender Behauptungen, die sie aufweist, keine Rede von einer Negativen Theologie sein kann (1984:13). Und sie brauche auch überhaupt keine, weil sie primäre Rede Gottes von sich selbst her ist (:20). Auch lässt sich mit Benk (2018) zurückfragen, ob eine (radikale) Negative Theologie nicht dadurch obsolet wird, dass Gott, gerade in Jesus Christus, die (sprachliche) Distanz überwunden hat und in seiner Selbstoffenbarung unsere Sprache spricht?

Die Lösung?

Dieser Gedanke ist nicht neu. Bereits Origenes (185-253/4), dann aber vor allem Calvin (1509-1564), waren Vertreter der Akkommodation, einer positiven Redeweise. Hierbei steht die Überlegung im Hintergrund, dass Gott, wie es eine gute Rednerin tun würde, sich den Fähigkeiten seines Publikums sprachlich anpasst (McGrath 2013:268). Gott offenbart sich auf dem Niveau des menschlichen Fassungsvermögens; er zeichnet ein Bild, dass wir zu verstehen vermögen. Clavin spricht in Bezug auf die menschliche Darstellung Gottes innerhalb der Bibel als eine göttliche Kindersprache (ebd). Gott sei aufgrund unserer Begrenztheit dazu gezwungen, sich in irdischen Kategorien auszudrücken, ohne dabei jedoch zusagen, dass diese ihn vollständig fassen würden (ebd).

Fazit

Nun mag der eine oder andere dazu geneigt sein, die vorangegangenen Überlegungen als unnötige Gedankenakrobatik beiseite zu schieben. Doch so nebensächlich ist es nicht: Denn – mit Karl Barth (2017:9-16) gesprochen – besteht die Aufgabe der Theologie gerade darin, Gott, auf Grundlage seiner Selbstbekundung im Vorfindlichen, wahrzunehmen, zu verstehen und in begriffliche Sprache zu codieren. Doch auch die Heilige Schrift selbst nimmt uns in die Pflicht, vor dem göttlichen Geheimnis nicht zu verstummen, sondern redselig zu sein (1. Petr. 3,15b). Leider führt die Negative Theologie aber in ihrer Konsequenz zu einer immer größer werdenden Wortarmut, bis man schließlich an einen Punkt der völligen Sprachlosigkeit angelangt ist (Stolina 2008:171).

Nach meinem Dafürhalten stellt die Negative Theologie eine philosophische Spielerei dar, die dem biblischen Befund an einigen Stellen, aber nicht in seiner Gesamtheit gerecht wird und eher im (Neu-)Platonismus verwurzelt ist, wie Leppin (2007:25f) anmerkt, als in der biblischen Offenbarung. Denn berichtet uns die Schrift nicht auf hunderten Seiten, wie Gott sich durch die Geschichte hindurch, aber letztgültig in Christus immer wieder ein Gesicht gegeben hat und eben nicht der konturlos Andere blieb? Und können wir nicht gerade in der Art und Weise, wie Jesus über die himmlischen Dinge sprach, nämlich so, dass es die Otto-Normal-Verbraucher:innen verstehen konnten, weil er bekannte Bilder aus der Landwirtschaft benutzte, ableiten, dass Gott die menschliche Sprache, trotz all ihrer Unzulänglichkeiten als ausreichend empfindet?

Nichtdestotrotz ist die Negative Theologie nicht vollkommen obsolet. Sie hat ihre Daseinsberechtigung darin, wo sie uns stets ins Gedächtnis ruft, dass jede Rede von Gott unter Vorbehalt stehen muss; dass alle menschliche Rede letztlich im Status eines Annäherungsversuches verhaften bleibt und Gott immer mehr ist als wir von ihm ausdrücken vermögen. Sie lehrt uns demütig von Gott zu reden. Und wenn wir ehrlich sind, gibt es innerhalb der Theologie Grenzbereiche, da kommen irdische Kategorien an ihre Grenzen und es benötigt Paradoxien, zum Beispiel: Jesus ist ganz Mensch und ganz Gott.

Letztlich bin ich überzeugt davon: Wir müssen vor und von Gott nicht schweigen, weil er nicht geschwiegen hat. Und wir können von und über Gott reden, weil er mit uns gesprochen hat.


Literaturverzeichnis

Balthasar, Hans U. 1984. Bibel und negative Theologie, in Strolz, Walter 1984, 13-31.

Barth, Karl 2017. Einführung in die evangelische Theologie. 9. Aufl. Zürich: TVZ.

Benk, Andreas 2018. Negative Theologie. bibelwissenschaft.de. Online im Internet: https://www.bibelwissenschaft.de/wirelex/das-wissenschaftlich-religionspaedagogische-lexikon/wirelex/sachwort/anzeigen/details/negative-theologie/ch/d659879ca0455d41ae36af04ae857fc4/ [Stand: 27. April 2022].

Leppin, Volker 2007. Die christliche Mystik. München: C.H.Beck

McGrath, Alister E. 2013. Der Weg der christlichen Theologie 3. Aufl. Gießen: Brunnen Verlag.

Stolina, Ralf 2008. Negative Theologie. RGG4 6,170-173.

Strolz, Walter (Hrsg.) 1984. Sein und Nichts in der abendländischen Mystik. Freiburg: Herder Verlag.


Quellen der Bilder

Alle Bilder sind lizenzfrei. Der Transparenz halber seien nachstehend die konkreten Links genannt:

Fragezeichen: https://pixabay.com/de/photos/frage-fragezeichen-umfrage-problem-2736480/

Daumen hoch/runter: https://pixabay.com/de/photos/gegensätze-daumen-positiv-negativ-3808487/

Bibel: https://www.pexels.com/de-de/foto/person-die-eine-bibel-halt-1771220/

Mikrofon: https://www.pexels.com/de-de/foto/person-mit-mikrofon-33779/