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Metanarrativ – Die übergreifende Geschichte der Bibel als Brief 1/2

Hallo XY,

nach deinem letzten (imaginären) Besuch bei uns in der Kirche hast du sicher einige Fragen im Kopf. Gerne komme ich hiermit deiner Bitte nach, dir aufzuzeigen, was es mit diesem Gott, ja, generell mit der Bibel, auf sich hat.

Lass mich mit jener Aussage beginnen, welche uns gleich im ersten Bibelbuch begegnet. Dort steht Folgendes: «Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde» (1. Mose 1,1). Du hast sicherlich schon mal irgendwann im Religionsunterricht gehört, dass der christliche Glaube im Kern ein monotheistischer ist, also der Glaube an einen einzigen Gott, der jegliche andere göttliche Existenz ausschließt. Diese Annahme mag sicher schon wirr genug klingen, doch muss sie um einen zweiten Aspekt erweitert werden, um wirklich vollständig zu sein. Denn im Kern ist christlicher Glaube ein schöpferischer Monotheismus, also der Glaube daran, dass das Universum, das Leben und der Mensch eine Kreation jenes einen Schöpfergottes ist. Damit ist eine fundamentale Grundannahme vorrausgestellt: Alles Sein hat einen letzten Existenzgrund, einen Sinn, es ist kein Produkt des Zufalls, keine Laune der Natur (wie es zum Beispiel beim Urknall der Fall ist). Der Ausgangspunkt ist damit nicht Singularität, sondern göttliche Existenz, spezifischer noch: Eine Person. Nicht wenige Menschen meinen heutzutage, dass, wenn es überhaupt einen Gott gibt, dieser eher so etwas wie eine innere Kraft oder ein kosmisches Energiefeld ist, was alles zusammenhält. Doch zeigt die Bibel uns Gott als etwas völlig anderes. Gott ist eine Persönlichkeit. Er wird als jemand beschrieben, der handelt, redet, hört, sieht und liebt. Weiterhin wurde Gott von Menschen Jahrtausende lang als ein lebendiges Wesen erfahren, das die Geschicke der Welt lenkt, welches sich aber auch dem Einzelnen zuwendet, ihn trägt und beschützt, ihm hilft und beisteht. Der Gott im biblischen Sinne ist also ein lebendiger Gott, und genau in diesem Ebenbild wurden auch wir erschaffen (vgl. 1 Mose 1,27). Weiterhin gibt Gott den Menschen den Auftrag, fruchtbar zu sein und die Erde mit all ihrem Leben gut zu verwalten. Doch der Mensch wendete sich gegen seinen Schöpfer und rebellierte. Die Konsequenz dieser Rebellion ist eine Störung in der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, zwischen Gott und seiner Schöpfung.

Kurzgesagt erzählt die Bibel nun eine lange Geschichte der Wiederherstellung zwischen der Beziehung von Gott und Menschheit. Doch wir müssen noch etwas die Ausgangssituation beleuchten, bevor wir den Bogen bis zum letzten Buch der Bibel (Offenbarung) spannen können. Wie konnte es überhaupt zu einer Rebellion kommen? Worin besteht die Auflehnung gegen Gott?

Im Kern liegt es im Verlangen des Menschen, Gott völlig gleich zu sein oder selbst Gott zu sein. In diesem Bestreben trennte sich der Mensch aber von Gottes Wohlwollen. Er schnitt sich selbständig und aus freien Stücken von der Quelle seiner Existenz ab. Dies hatte zur Folge, dass die menschliche Natur verdarb. Egoismus, Hass, Gewalt, Mühsal, Leid, Ungerechtigkeit und Vergänglichkeit wurden Teil der menschlichen Realität. Christen nennen das auch „gefallene Schöpfung“. Wir glauben, dass Gott die Schöpfung, das Individuum aus diesem Zustand der Vergänglichkeit erlösen wird. Manchmal sprechen wir auch von einem Fluch, unter welchem alles Sein steht. Im Finale des letzten Buchs der Bibel, der Johannesoffenbarung, finden wir eine Beschreibung von einer neuen Erde. Es wird eine Zeit beschrieben, in der niemand mehr unter dem Fluch der Vergänglichkeit stehen wird. Der Fluch, den einst der Mensch, durch sein Bestreben danach, Gott gleich zu sein, über die Schöpfung brachte, wird aufgehoben sein. Wir lesen davon, dass es keinen Schmerz, keinen Tod und kein Leid mehr geben wird (Off 21,4). Aus der biblischen Perspektive hat die Menschheitsgeschichte einen Anfang und ein Ziel. Sie ist kein endloser Kreislauf, sondern zielt darauf ab, dass alles durch Gott in seine gedachte Ordnung zurückkehrt. Gottes Absicht besteht darin, die Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Verlorenheit zu retten. Woher weiß ich das? Ein Blick in die ersten Kapitel der Bibel zeigen uns deutlich: Gott gibt seine Rebellen nicht auf. Seine Rettungsaktion nimmt Fahrt auf. Dabei durchläuft sie unterschiedliche historische Gegebenheiten, von der uns die biblische Erzählung berichtet. Diese Erzählung lässt sich in zwei große Teile aufgliedern (Teil 1 und Teil 2), welche untrennbar miteinander verwoben sind. Im Folgenden werde ich dir die wichtigsten Stationen in äußerster Kürze und Kompaktheit nachzeichnen.

Nach dem mehr als missglückten Start, gibt Gott trotzdem nicht auf, sondern beginnt nochmal von vorne. Dafür fängt er bei einem einzelnen Menschen an: Abraham. Er schließt mit ihm ein Abkommen – einen Bund (und ja, der Mensch ist ein Beteiligter an Gottes Aktion). Er verspricht ihm, dass aus seiner Nachkommenschaft ein großes Volk entstehen wird. Dieses Volk soll für die ganze Menschheit ein Vorbild dafür werden, wie Menschen mit Gott zusammenleben können. Es ging Gott also nicht bloß um einen Einzelnen, sondern um die ganze Menschheit. Gott überlässt sein Geschöpf nicht sich selbst. Er geht seinem davongelaufenen Rebellen nach. In wenigen Generationen verwirklicht sich nun das Versprechen, Abrahams Nachkommenschaft wächst zu einem großen Volk heran. Aufgrund der schieren Größe, versklavte die damalige Grossmacht Ägypten das ganze Volk. Die Geschichte scheint irgendwie schief zu laufen. Doch Gottes Plan, seine Absichten sind immer noch dieselben – durch dieses Volk will er die Menschheit zurückgewinnen. Er hat den Bund mit Abraham nicht vergessen. Also ergreift Gott wieder die Initiative und befreit sein Volk aus Feindeshand. Wie bereits eingangs erwähnt, erleben die Menschen hier Gott als jemanden, der die Geschicke der Welt lenkt und sich kümmert. Es wird geschätzt, dass das Volk beim Auszug aus Ägypten ca. zwei bis drei Millionen Menschen umfasste. Wie du dir sicherlich vorstellen kannst, bedarf so eine große Menschenmenge ein paar Regeln. So kommt es, dass Gott einen Staatsvertrag aufsetzt (auch Gesetz genannt). Im Deutschen ruft der Ausdruck „Gesetz“ meistens negative Assoziationen hervor, dem damaligen Volk war die Negation allerdings fremd. Sie verstanden es nicht als Reglementierung, Einengung oder Beschneidung der persönlichen Freiheit, sondern als eine ihnen wohlwollende Weisung in einer Situation der Orientierungslosigkeit. Die Weisung lässt sich zusammenfassen mit: Liebe Gott und deine Nächsten von ganzem Herzen! Der Rest mündet in dieses Prinzip. Die Rolle Gottes ist schriftlich fixiert und definiert. Er ist uneingeschränkter Anführer seines Volkes! Doch kann das Volk diesem Anführer treu bleiben? Nein, wenig später kehrt es ihm erneut den Rücken zu, lehnt ihn ab und rebellierte. Es geht sogar soweit, dass der größte Teil von ihnen Gott vergisst. Korruption, Gottlosigkeit und Gesetzlosigkeit stehen auf der Tagesordnung. Die verdorbene Natur des Menschen schlägt voll zu. Nach damaliger Rechtsprechung steht auf Bundesbruch die Todesstrafe, doch einmal mehr ist Gott mit seinen Rebellen gnädig. Er räumt ihnen die Möglichkeit ein, über ein stellvertretendes Tieropfer sich von ihrer Schuld freizukaufen. Doch so recht funktioniert das nicht. Viele Menschen entwickelten bloß ein religiöses Herz, aber kein liebendes Herz – erinnere dich an die Weisung. Also schickt Gott Menschen, die ihm als Sprachrohr dienten, quasi unbequeme Prediger, auch Propheten genannt. Ihre Botschaft lautet: Kehrt (von ganzem Herzen) um zu Gott und seinem Plan!

Was bedeutet Umkehr? Es bedeutet Kapitulation vor dem eigenen Ego, Anerkennung der Abhängigkeit von Gott, Rückkehr in den Bund mit Gott, die Wiederherstellung von Beziehung, in Bezug auf Gott, in Bezug auf den Mitmenschen und in Bezug auf die ganze Schöpfung. In einem Wort zusammengefasst: Bekehrung. Das Volk, was eigentlich zum Vorbild gedacht war, brauchte nun mehr als denn je selbst ein Vorbild. Was wird Gott jetzt tun? Wird er erneut die Initiative ergreifen? Oder wird er die Menschheit ihrem Schicksal überlassen?

Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Jürgen

    Gut und verständlich erklärt. Bin auf die Fortsetzung gespannt.

    1. Chris Otten

      Danke. Fortsetzung folgt – bald.

  2. Moses

    Wow, ein sehr schöner Roter Faden und gut zu lesen. Freu mich auf den nächsten Beitrag.

    1. Chris Otten

      Danke. Der nächste Beitrag, die Fortsetzung kommt.

  3. Birgit

    Echt gut!Freue mich auf die Fortsetzung.

    1. Chris Otten

      Danke. Sie wird bald erscheinen.

  4. Abel

    Bro, es ist schön dich schreiben zu “hören”.

    1. Chris Otten

      Schön dich kommentieren zu “hören”. Ich plane da auch noch so einiges.

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