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Der letzte Sprung

Manchmal irrt man sich. Manchmal auch etwas mehr. Und manchmal spricht man sogar Dinge sakral und attestiert ihnen konstruktive Kräfte, bei denen sich bei ehrlicher Betrachtung ihrer Wirkungsgeschichte in der eigenen Biografie die ungeschminkte Erkenntnis breitmacht: in der Sache waren sie diabolisch.

Der Mensch betrügt, und am liebsten sich selber. Das ist kein Geheimnis. Alles lässt sich doch irgendwie schönreden – nicht nur alkoholisch, sondern auch theologisch. In meinem Fall habe ich mir einreden wollen, dass die Glaubenszweifel, die ich lange Zeit hegte, für den Glauben förderlich, ja notwendig, weil festigend sein und nicht verteufelt werden dürfen. Doch die Bilanz in Bezug auf meinen persönlichen Glaubensweg könnte nicht fataler sein: Es war eine gravierende Fehleinschätzung. Der Zweifel hat widererwartend meinen Glauben nicht aufgebaut, sondern zersetzt; er hat schneller dekonstruiert, als ich in der Lage war wiederaufzubauen, mich neu zurechtzufinden. Letztlich habe ich die Orientierung völlig verloren. Gott wurde mir nicht klarer, sondern abstrakter, diffuser. Aus einem lebendigen Gegenüber ist eine reine Denkfigur geworden, die ich nach Belieben in meinem auf Sand gebauten theologischen Kartenhaus hin- und hergeschoben habe. Der anfänglich so seichte Tanz mit dem Teufel wurde zum benebelnden und höllischem Rodeo-Ritt.

Bevor jemand jetzt übermäßig Puls bekommt, ein kleiner Einschub: Ich bespreche und reflektiere hier meine persönliche Geschichte mit dem Glaubenszweifel. Deshalb entspringen die Formulierungen und Bewertungen, die ich hier treffe, meiner subjektiven Erfahrung und meinem daraus resultierenden Erkenntnisstand. Keineswegs möchte ich den Glaubenszweifel in jeder Hinsicht verteufeln oder für jedermann und jederfrau zur Todsünde erklären. Jemand anders mag in Bezug auf seine individuelle Geschichte des Glaubens zu völlig konträren Ergebnissen gelangen – ich begrüße das. Gleichsam möchte ich nicht alles widerrufen, was ich in meinem Blogartikel <em>Zweifel ist meines Glaubens Anfang </em>zu Protokoll gegeben habe. So zum Beispiel, dass gerade der Zweifel es zustande bringen kann, nicht einer gewissen Autoritätshörigkeit anheimzufallen. Jeder, der den genannten Blogartikel gelesen hat (und ich empfehle es), wird sicherlich merken, dass ich es mir in der ganzen Angelegenheit gewiss nicht einfach mache. Zudem wird jeder, der mich kennt, bezeugen können, dass ich der Letzte bin, der andere bzw. andersgeartete Glaubenswege diskreditiert und verurteilt. Ich möchte hier einfach nur weitergeben, dass meine Erfahrung mit dem Zweifel mich gelehrt hat, dass dieser für mich im Kern diabolisch und lebensfeindlich war; dass er mich Gott nicht näher, sondern letztlich nur noch weiter von ihm distanziert hat; dass ich der zweifelnden Stimme zu viel Gehör geschenkt habe und dass sich die durchaus konstruktiven Kräfte des Zweifelns nach und nach ins Jenseits verabschiedet haben.

Kurzer Recap (oder: Was bisher geschah): Ich bin aufgewachsen in einem christlichen Elternhaus. Als Kind habe ich alles mitgenommen, was man in christlichen Kreisen so mitnimmt. Doch als junger Teenager bekam mein vermitteltes Weltbild erste Risse – Zweifel nisteten sich ein: Waren das, was ich zuhause und in der Kirche aufgetischt bekam, nur aufgewärmte Märchen, etwas zu ernst genommene Gute-Nacht-Geschichten? Mit der Zeit erschienen mit diesen Gedanken plausibler. Im Zusammenspiel mit anderen Dingen, die mir während der Jugend wichtig wurden, rückte der Gottesglaube ins Hinterstübchen. Doch ganz entledigen konnte ich mich dessen auch nicht, denn das Saatkorn des Glaubens, das in mich gepflanzt wurde, wurzelte schon zu tief. Bevor ich mich also entschieden habe Gott nicht mehr loszulassen, hat er schon angefangen sein Come-Back zu fokussieren. Doch auch nach einer erneuten Hinwendung zum Gottesglauben mit ungefähr 18 Jahren, wurde die zweifelnde Stimme in meinem Kopf nicht leiser. Mit der Zeit stellte ich mir wieder die Frage, ob ich nicht doch einer mittelalterlichen Ideologie auf dem Leim gegangen bin. Doch so einfach war es nicht mehr, denn mittlerweile hatte ich selbst Erfahrungen gemacht, die ganz klar darauf hindeuteten, dass Gott eben doch kein Hirngespinst ist. Dass ich irgendwie mit Gott in Berührung kam oder er mit mir, konnte ich nicht mehr leugnen. Nichtsdestotrotz etablierte sich der grundsätzliche Zweifel für und wider den Glauben als bleibendes Muster auf meinem Lebensweg, meiner Odyssee des Glaubens.

So sehr ich es auch versucht habe, ich wurde den Glaubenszweifel nicht los. Er begleitete mich auf Schritt und Tritt, bei Tag und bei Nacht. Die gesamten ersten drei Jahre meines Theologiestudiums war er mein bester Freund. Ich musste mich also irgendwie mit ihm arrangieren. Sodann habe ich versucht, mich mit ihm anzufreunden, ihn danach zu befragen, ob er mir nicht auch etwas Positives zu bieten hat: Und ja, in gewisser Weise hielt er auch Konstruktives für mich bereit – so zumindest meine anfängliche Euphorie. Gleichzeitig stellt sich mit der Zeit eine gewisse Selbstverdammnis ein. Was war nur los mit mir? Wieso konnte ich nicht einfach glauben? Warum waren da immer diese Gedanken, die alles möglich in Frage stellten? Dieses grundsätzliche Misstrauen, dass da irgendwas faul sein muss? Was ich nicht begriff: Die Schlange lockt immer mit den vermeintlichen Vorteilen, verschweigt aber gleichzeitig die kolossalen Kollateralschäden. Ich hatte ihr geglaubt, mein Vertrauen ausgesprochen, das war der Fehler.

Irgendwann, nachdem mir Gott quasi vollends aus dem Blick geriet, musste ich mir ehrlich eingestehen: Im ständigen Zweifel zu leben ist auch kein tragfähiges Lebenskonzept. Wieso hatte ich den Zweifeln nur solange Gehör geschenkt? Ich kann es dir sagen: Weil ich vordergründig theoretisches Wissen und nicht das lebendige Wort gesucht habe. Weil ich so sehr damit beschäftigt war, meinen Glauben auf eine rationale Grundlage zu stellen, dass ich gar nicht bemerkt habe, wie ich meine persönliche Gottesbeziehung immer mehr verlor. Ich habe versucht Theologie zu betreiben, ohne sie in Spiritualität zu gründen. Soll heißen: Ich habe versucht über Gott nachzudenken, ohne mich mit ihm zu treffen – Kein Wunder, dass wir uns so selten bzw. nie begegnet sind. (Versteht mich nicht falsch, sich mit Theologie zu beschäftigen, ist die lieblichste Sache von der Welt. Wer meint, dass die Theologie automatisch den persönlichen Glauben zunichte macht, der irrt. Wie bei allem im Leben, kommt es darauf an, mit welcher Herzenshaltung und Motivation man die Dinge tut, die man tut. Meine Haltung war falsch, deswegen wurden mir die theologischen Inhalte zum Fallstrick und Stolperstein.)

Ich meine etwas Seltsames beobachtet zu haben: Ist es nicht so, dass wir viele unserer Alltagsentscheidungen nicht mit letztgültiger Sicherheit treffen? Ich meine, meistens bleiben doch noch irgendwelche Restzweifel oder offenen Fragen? Und doch reicht es in der Regel völlig aus. Aber warum beanspruchen wir gerade bei Fragen des Glaubens, wenn es um die Akte <em>Gott </em>geht auf einmal hieb- und stichfeste Beweise und drehen die ganze Geschichte hundertmal von links nach rechts? An mich persönlich adressiert: Warum beanspruche ich beim Thema Gott hundertprozentige Sicherheit, doch bei allem anderen reichen mir auch gute achtzig Prozent?

Irgendwann muss man den Sprung in den Glauben auch wagen. Letzte Sicherheiten gibt es da sowieso nicht. Der Sprung ist immer ein freier Fall ins Ungewisse, der aber von der Hoffnung und dem Vertrauen darauf gekennzeichnet ist, am Ende in die mächtigen Hände Gottes zu fallen, ja das Letztgültige zu berühren. Es ist und bleibt ein Wagnis, was einem keiner abnehmen kann. Springen geht nur allein. Und es ist eine Vertrauensfrage.

Dabei ist der Sprung nicht als Resultat von Denkfaulheit oder als ein billiges Trostpflaster zu verstehen. Vielmehr ist es das Eingeständnis, dass sich letztlich sowieso keine hundertprozentigen Beweise finden lassen. Sich im Vertrauen in den Glauben zu stürzen hat wenig mit Naivität gemein. Oder anders gesagt: Es ist zumindest genauso so naiv, wie dem Zweifel sein grundsätzliches Vertrauen anzusprechen. Weil wir nicht allwissende Wesen sind, die alles überblicken können oder in alles Einsicht haben, müssen wir an irgendeinem Punkt uns entscheiden, wem oder was wir unser Vertrauen aussprechen. Die Frage lautet also: Wem vertraue ich mehr? Wem möchte ich letztlich mehr Glauben schenken? Sicher, es ist immer denkbar, dass der Glaube sich schlussendlich als eine große Seifenblase erweist. Aber es ist eben auch möglich, dass er sich als zutreffend erweist. Beide Optionen sind denkbar.

Keine Frage, man kann sich nicht dafür entscheiden, ob man zweifelt oder nicht. Der Glaubenszweifel ist entweder da oder nicht. Deswegen macht es auch keinen Sinn, sich aufgrund seiner Existenz selbst zu verdammen (wie ich es stellenweise getan habe) oder von irgendwem einreden zu lassen, dass man komisch sei. Doch worüber man Entscheidungsgewalt hat, ist die Dimension, wie viel Raum der Glaubenszweifel einnehmen darf. Ich kann zwar nicht beeinflussen, ob ich zweifle oder nicht – ich kann aber entscheiden, ob ich dem Zweifel Paroli biete oder nicht. Ich kann entscheiden, ob die 70ig, 80ig, oder 90ig prozentige Sicherheit, die ich empfinde, ausreicht. Mein Fazit: Sie reichen!

Für mich persönlich habe ich entschieden Gott mein Vertrauen auszusprechen, auch wenn ich bei Weitem nicht alles verstehe und immer noch stellenweise irritiert bin. Ich habe mich dazu entschieden, den Sprung in den Glauben endgültig zu wagen. Ich will ab sofort der Selbstoffenbarung Gottes nicht mehr mit grundsätzlichem Misstrauen begegnen, sondern mit Zutrauen. Dass bedeutet nicht, dass ich alles vorbehaltslos und unreflektiert als gesetzt annehme. So bedeutet der Sprung in den Glauben auch nicht, seinen Kopf auszuschalten. Aber die Inhalte des Glaubens zwanghaft durch das Nadelöhr des Verstandes zupressen und den menschlichen Horizont zum alles entscheidenden Maßstab zu erklären, ist letztlich nicht aufgeklärt, sondern furchtbar verkürzend und weltfremd. Es gibt Wahrheit, die abseits aller Messbarkeit existiert und die sich uns nur im Glauben, in einem Akt der Gnade, eröffnet. Die messbare Seite der Welt ist eben auch nur die messbare Seite der Welt. Wer das Unmessbare einmal berührt oder von ihm im Innersten getroffen wurde, der kann einfach nicht mehr leugnen, dass er mehr gibt, als die uns sichtbare und zugängliche Welt.

Am Ende muss ich konstatieren: Ich habe mich massiv verrannt. Doch, wie es im Leben nun mal öfters so ist, auch die Sackgassen enthalten wertvolle Lektionen. Schnell ist man geneigt, in der Retroperspektive alles in ein starres Schwarz-Weiß-Muster zu fixieren und zu sagen: „Das würde ich, wenn ich die Chance hätte, anders machen!“ Verständlich. Manchmal denke ich auch so. Aber die Gefahr dabei ist, dass man jenen Situationen und Weichenstellungen ihr Existenzrecht abspricht, die überhaupt zur gegenwärtigen Erkenntnis geführt haben. Vielleicht wäre ich nicht an dem Punkt, wenn ich genau das nicht erlebt hätte, was ich erlebt habe, wenn ich nicht genau die Entscheidung getroffen hätte, die ich nun mal getroffen habe. Zugegeben: Es war ein Ritt auf der Rasierklinge – keine Frage. Aber ich würde, auch wenn ich die Chance hätte, es vermutlich nochmal genauso machen. Ich bin die Summe der Entscheidungen und Erlebnisse meiner Vergangenheit. Und in Summe kann ich sagen: Gott hat mich erreicht. Also akzeptiere ich meine Vergangenheit. Ändern lässt sie sich ohnehin nicht mehr – welche eine Weisheit.

Meine Lektion für die Zukunft: Schließe keinen Pakt mit der süßlichen Stimme der Schlange, das ist schon rein aus der historischen Perspektive immer nach hinten losgegangen.