You are currently viewing Aus der Rubrik: Moderne Märchen

Aus der Rubrik: Moderne Märchen

Waren die Väter und Mütter der modernen Aufklärung noch darum bemüht, dem Mythos, den Legenden und Sagen alter Tage Einhalt zu gebieten, macht sich seit geraumer Zeit eine neue mystische Erzählung breit, nämlich der Mythos des zwingenden technologischen Fortschritts, auf dessen Weg die Menschlichkeit allzu leichtfertig auf dem Hochalter des technisch Machbaren geopfert wird. Und das Perfide daran: Es wird uns als zwingende Notwendigkeit, als ein unaufhaltsamer Prozess verkauft, ganz so, als wäre es ein Gesetz der Natur. Doch die ungeschminkte Realität ist: Der technologische Fortschritt ist gewollt, gestaltet, er ist nicht das Ergebnis eines Determinismus, sondern das Produkt dystopischer Kräfte einer Tech-Elite. Die massiven Kollateralschaden für unsere Gesellschaft als Ganzes, aber auch für das Individuum konkret, die dabei entstehen, sind keine unglücklichen Zufälle, sondern die logische und billig in Kauf genommene Konsequenz einer pervertierten Profitmaximierung der modernen Hohen Priester des Techno-Kults. Die dem Mythos des unentwegten Fortschritts inhärente Unzufriedenheit mit dem Status Quo mag aus kapitalistischer Sicht zwar eine Notwendigkeit sein, aber psychologisch ist es eine Folter. Das ständige „Höher-Schneller-Weiter“-Mantra macht den menschlichen Geist krank. Dass sich dann noch einige Bigplayer als lupenreine Philanthropen und Weltverbesserer präsentieren, setzt dem Wahnsinn die Krone auf, ist an Zynismus kaum zu überbieten und steigert die Absurdität bis in Groteske. 

Und ja, natürlich war technischer Fortschritt immer schon Teil der Kulturgeschichte.

Und ja, natürlich gab es zu jeder Zeit schon Menschen, die den Fortschritt unnötig dämonisiert haben – gedenke der Verteuflung der ersten Lokomotive oder der ersten laufenden Bildaufnahmen.

Und ja, natürlich hat der technologische Fortschritt auch viel Gutes und unermesslichen Wohlstand gebracht. 

Doch gleichzeitig, und dies gilt es nicht zu vergessen, war die Technik immer dem Menschen unter- und in seinen Dienst gestellt. Es ging um Dienstbarkeit, um die Frage, wie der Mensch sich ein Stück Weltausschnitt aneignen kann. Heute ist die Technik Herr des Menschen. Heute ist es der Mensch, der sich dem technisch Machbaren anpassen muss. Die Perspektive im Sinne von Subjekt und Objekt hat sich verdreht. Im Zeitalter selbstlernender KI-Technologie ist die Technik eigenständig handeln geworden, sogar in solch einem Ausmaß, dass – gerade auf dem Finanzsektor – viele Expertinnen und Experten nicht mehr gänzlich durchsteigen.

Der gewaltige Unterschied zu früheren Zeit ist einfach der, dass Technik bis dato überwiegend begleitende Funktion einnahm. Heute ist sie jedoch immer mehr leitender. Sicher, man mag geneigt sein, diesen – zumindest begrifflich – feinen Unterschied zu marginalisieren, doch gilt es sich auf die Fläche des Bewussten zu rufen, dass die Schwelle zur Manipulation nicht groß ist – so manch ein Skandal der jüngeren Vergangenheit hat sicherlich zu Genüge offenbart, welch eine Lenkfunktion darin obliegt, Menschen jeweils ein anderen Ausschnitt von Welt vor Augen zu malen. 

Der Mensch ist das Produkt geworden. 

Übrigens, Fortschritt kann auch die Einsicht bedeuten, etwas nicht zu wollen, auch wenn es theoretisch machbar ist. Die Besinnung auf den Status Quo oder auch das Zurückrudern bei einer Fehlentwicklung ist nicht per se rückständig, sondern genauso fortschrittlich. Manchmal ist Rückschritt der wahre Fortschritt. So ist Fortschritt kein Synonym für Mehr. Auch ist nicht jede noch so mit Lichtfeuerwerk verkaufte Innovation automatisch Fortschritt. Neu und besser sind keine logischen Geschwister. Fortschritt ist keine vorwärts gerichtete Einbahnstraße. Vor allem nicht, wenn die Richtung „Menschlichkeit Ade“ heißt…